Darf ein Salafist Gefängnisseelsorger sein?

Beim Thema Islam wird die politische Diskussion regelmäßig unsachlich. Neuer Spitzenreiter in meiner Kuriositätensammlung ist die Frage “Darf ein Salafist Gefängnisseelsorger sein?”
So fragte Idea online Worum ging es?

Es ging um einen Gefängnisseelsorger, diesmal in islamischer Ausprägung. Religionsfreiheit nennt man das, und laut Grundgesetz gibt es darauf auch einen Rechtsanspruch. Nun heißt es aber, dass Abdullah Dündar, um den es hier geht, ein Moslem von der fiesen Sorte ist, ein “Salafist”. Der Verfassungsschutz arbeitet offenbar auch schon eine Weile daran, da näheres herauszufinden…
Forderungen, dass sich so jemand nicht als Gefängnisseelsorger betätigen dürfen solle, wurden vom thüringischen Justizminister aber zurückgewiesen,

Die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes reichten nicht aus, um ihn von der Seelsorge auszuschließen

so Idea.

(Nun, so ist das manchmal mit unseren Geheimdiensten, dass die nichts ausreichend konkretes liefern, man erinnere sich z.B. an die NPD-Debatte. Aber das ist ein eigenes Thema, und das Fass, ob unsere Geheimdienste noch uns dienen und ob sie ihr Geld wert sind, will ich heute nicht aufmachen, das sprengt doch den Rahmen.)

Jedenfalls sind wir jetzt an dem Punkt, an dem es spannend wird, so entlang der Linie Rechtsstaat, Unschuldsvermutung, faire Verfahren, sachliche Diskussion, kurz: all das, was man mir zu Schulzeiten beigebracht hat, wie unsere westliche Gesellschaft funktioniert.

Jetzt wäre also eigentlich der Zeitpunkt, an dem man fragen müsste, was lehrt und was lebt Herr Dündar und wie ist das zu bewerten? Darüber erfahren wir leider nichts.

Stattdessen versucht nun die “Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, der Politik auszuhelfen und das zu liefern, was an Infos noch fehlt. Idea schreibt:

EZW hält den Imam für einen Salafisten

Der Islam-Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (Berlin), Friedmann Eißler (Berlin), hält Dündar für einen Kopf der salafistischen Szene. „Was ich von ihm sehe, macht klar, er gehört zu den führenden Leuten.“ Als Anhaltspunkte nannte Eißler gegenüber der FAZ die Kopfbedeckung, die Länge des Bartes und die traditionelle Kleidung.

Schon klar, merkwürdige Kleidung, merkwürdige Kopfbedeckung und langer Bart. Ich muss schon bitten, mit dieser Argumentation könnte man ja sogar den Weihnachtsmann unter den Verdacht des Salafismus stellen. Habt Ihr sonst nichts?

Wo ist da die Logik kaputtgegangen? Idea, die sonst besser recherchieren, stützt sich auf einen FAZ-Artikel, der leider nicht im Netz steht. Und auch die EZW habe ich als sachkundiger in Erinnerung. Ist auch egal. So ist das jedenfalls keine Nachricht und kein sinnvoller Beitrag zur Islamdiskussion. Stattdessen wabern jetzt bei den üblichen Verdächtigen (kath.net, pi-news etc) empörte Kommentare durch die Blogosphäre, warum denn die deutsche Justiz nichts tut. Da fungierte Idea erfolgreich als Durchlauferhitzer für diese nicht-Nachricht. Wir wissen immer noch nichts genaues, aber die Empörung hat sich vervielfacht. Prima…

Ist eigentlich auch egal wer’s war, eine journalistische Glanzleistung war das jedenfalls nicht.

Heiko Evermann
Juni 2012

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