Das Umfeld der NWÜ

Das Umfeld der “Neuen-Welt-Übersetzung” ist in einer ganzen Reihe von Punkten auffällig.

Was war die Motivation für die Übersetzung?

Der Wachtturm vom 15.9.1950 schreibt auf Seite 314 (die Hervorhebungen sind von mir)

We acknowledge our debt to all the Bible versions which we have used in attaining to what truth of God’s Word we enjoy today. We do not discourage the use of any of these Bible versions, but shall ourselves go on making suitable use of them. However, during all our years of using these versions down to the latest of them, we have found them defective. In one or another vital respect they are inconsistent and unsatisfactory, infected with religious traditions or worldly philosophy and hence not in harmony with the sacred truths which Jehovah God has restored to his devoted people who call upon his name and seek to serve him with one accord. Especially has this been true in the case of the Christian Greek Scriptures [the New Testament], which throw light and place proper interpretation upon the ancient Hebrew Scriptures. More and more the need has been felt for a translation in modern speech, in harmony with revealed truth, and yet furnishing us the basis for gaining further truth by faithfully presenting the sense of the original writings; a translation just as understandable to modern readers as the original writings of Christ’s disciples were understandable to the simple, plain, common, lowly readers of their day. Jesus reminded us that our heavenly Father knows the needs of his children before they ever ask him. How has he [Jehovah] made provision for us in this need which we now keenly feel? (3)

Ähnlich formulierte Texte wurden von den Zeugen Jehovas im Laufe der Zeit mehrfach veröffentlicht. Aus dem Buch “Die ganze Schrift von Gott inspiriert und nützlich” (1990, Kapitel “Studie 7″, Absatz 17)

Jehovas Zeugen erkennen an, daß sie es all den vielen Bibelübersetzungen zu verdanken haben, daß sie sich eingehend mit der Wahrheit des Wortes Gottes befassen konnten. Doch haben alle diese Übersetzungen — auch die allerneuesten — ihre Mängel. Es gibt gewisse Inkonsequenzen oder unbefriedigende Wiedergaben, die aufgrund sektiererischer Überlieferungen oder weltlicher Philosophien zustande gekommen sind und somit nicht uneingeschränkt mit den heiligen Wahrheiten übereinstimmen, die Jehova in seinem Wort aufzeichnen ließ.”

Das sind klare Worte: Auch wenn Zeugen Jehovas aus anderen Bibelübersetzungen geistlichen Gewinn gezogen hatten (immerhin gab es ja viele Jahrzehnte lang den Wachtturm ohne dass es die Neue-Welt-Übersetzung gegeben hatte), so war man mit all den anderen Bibelübersetzungen nicht zufrieden. Sie werfen allen (!) anderen Übersetzungen vor, wichtige Fehler zu enthalten.

Man brauchte eine eigene Bibelübersetzung, weil die anderen in bestimmten Punkten “inkonsistent” und “unbefriedigend” waren. Sie waren “von religiöser Tradition” (WT 1950) bzw. von “sektiererischen Überlieferungen” (Buch 1990) oder von “weltlicher Philosphie infiziert”. Die davon betroffenen Verse behandelten nicht etwa Nebensächlichkeiten, nein es ging um Punkte von “vital respect”, also Punkte von “entscheidender/lebenswichtiger Hinsicht”. Sie sind nicht “in Harmonie mit der Wahrheit, die Jehova Gott seinem Volk offenbart hat”.

Kurz zusammengefasst: in wesentlichen Punkten ensprechen andere Bibelübersetzungen nicht der Lehre der Zeugen Jehovas.

Man kann nun die NWÜ mit anderen Bibelübersetzungen vergleichen, um herauszufinden, an welchen Versen aller anderen Bibelübersetzungen die Übersetzer der NWÜ etwas auszusetzen hatten. (Eine ganze Reihe von Versen werden auch in der Literatur der Zeugem Jehovas ausdrücklich genannt.) Dabei findet man heraus, dass bei diesen Versen immer wieder die NWÜ gegen fast alle anderen Bibelübersetzungen steht.

Wenn alle anderen Bibeln anders sind, sollte einem das doch zu denken geben. Wie kann es dazu kommen? Dabei gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Alle anderen Bibelübersetzuer sind tatsächlich auf dem Holzweg. Sie sind wirklich “sektiererischen Überlieferungen” und “weltlicher Philosophie” aufgesessen. Und zwar alle anderen Bibelübersetzer, konfessionsübergreifend.
  • Andererseits könnte aber auch die Neue-Welt-Übersetzung “inkonsistent” und “unbefriedigend” sein, weil die Übersetzer ihre eigene Lehre, die Lehre der Zeugen Jehovas in ihre Übersetzung hineingeschrieben haben.

Man muss sich einmal die Größe dieser Anschuldigung vor Augen halten: Tausende von Bibelübersetzern der verschiedensten Konfessionen, die auch noch unabhängig voneinander gearbeitet haben, sollen nicht in der Lage gewesen sein, zentrale Lehren der Bibel richtig zu übersetzen? Für mich sieht das nicht plausibel aus.

Halten wir zunächst einmal fest: In für die Zeugen Jehovas zentralen Lehren weicht die Neue-Welt-Übersetzung von anderen Bibelübersetzungen ab. Wer die NWÜ liest, muss dies wissen. Die Qualität der NWÜ hängt damit direkt und elementar von der Frage ab, ob die Lehren der Zeugen Jehovas richtig sind. Ich kenne keine andere Bibelübersetzung, die in diesem Punkt derart fragwürdig ist. Keine andere Bibelübersetzung ist derart stark an die Frage gekoppelt, ob die Lehren der Konfession, die sie verantwortet, richtig sind.

Ich habe eine ganze Reihe von Bibelversen näher untersucht, bei denen sich die NWÜ von anderen Übersetzungen unterscheidet.

Mein persönliches Fazit aus diesen Bibelversen ist: es ist die Neue-Welt-Übersetzung, die an vielen Stellen zu Unrecht von dem abweicht, was im Deutschen oder Englischen richtig oder möglich ist. Es handelt sich um eine stattliche Anzahl von Versen, es handelt sich in der Tat um Unterschiede von “vital respect”. Oft geht es um die Stellung von Jesus, der in der NWÜ kleiner gemacht wird als er es nach der Bibel ist.

Ich vermute, dass die Übersetzer der NWÜ so sehr von ihren Lehren überzeugt waren, dass sie der Auffassung waren, richtig zu übersetzen. (Ich kann mir nämlich keinen Bibelübersetzer vorstellen, der wissentlich falsch übersetzt und ich möchte das den Autoren der NWÜ auch nicht unterstellen.) Aber dennoch ist das Ergebnis bei diesen Versen nicht richtig, nicht vertretbar. Unterm Strich kommt heraus, dass die Lehre der Zeugen Jehovas in die NWÜ hineingeschrieben wurde.

Wer hat die NWÜ übersetzt?

Die Neue-Welt-Übersetzung wurde von einem Übersetzungskomitee übersetzt. Die Wachtturm-Gesellschaft hat die Liste der Mitarbeiter nicht veröffentlicht. Die offizielle Begründung aus “Unterredungen anhand der Schriften” (Seite 311/312) lautet:

Als das New World Bible Translation Committee seine Urheberrechte der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania übergab, äußerte es den Wunsch, daß seine Mitglieder ungenannt blieben, und dieser Wunsch wurde respektiert. Die Übersetzer trachteten nicht nach Ruhm, sondern wollten dem göttlichen Autor der Heiligen Schrift die Ehre geben.

 

Im Laufe der Zeit haben andere Bibelübersetzungskomitees einen ähnlichen Standpunkt vertreten. Auf dem Umschlag der 1971 mit Anmerkungen erschienenen Ausgabe der New American Standard Bible heißt es beispielsweise: „Wir haben darauf verzichtet, die Namen der Gelehrten als besondere Empfehlung zu erwähnen, weil wir glauben, daß sich Gottes Wort selbst empfiehlt.“

Für mich ist der Vergleich mit der NASB unaufrichtig. Die NASB und die NWÜ lassen sich nicht gleichsetzen. Das Zitat aus der NASB beschäftigt sich mit der Frage, ob die Namen der Übersetzer als “besondere Empfehlung” in der Bibel (z.B. auf dem Klappentext oder im Anhang) aufgeführt werden. Das muss niemand tun und hier ist Bescheidenheit eine Tugend. Aber darum geht es hier nicht. Es geht vielmehr darum, ob die Namen der Übersetzer überhaupt veröffentlicht werden oder nicht. Es geht um Transparenz und Nachprüfbarkeit. Die Übersetzer der NASB haben sich dieser Herausforderung gestellt, die Namen wurden veröffentlicht und jeder, der will und hieran Bedarf sieht, kann sich diese Liste beschaffen und sich dann informieren, zu welcher Konfession diese Mitarbeiter gehören und welche sprachliche Qualifikation diese Mitglieder haben.

Diese Transparenz will die WTG nicht. Mir ist solche Geheimniskrämerei suspekt. Und sie macht auch keinen Sinn, denn sie fällt am Ende immer auf einen selbst zurück und dies passiert oft schneller als es einem lieb ist. Schon Jesus selbst hat davon gesprochen (Markus 4:22, Schlachter-Übersetzung)

Denn nichts ist verborgen, das nicht offenbar gemacht wird und nichts geschieht so heimlich, daß es nicht an den Tag kommt.

Nach der oben genannten ausdrücklichen Zielrichtung der NWÜ, bestimmte Lehren der Bibel nun endlich richtig zu übersetzen, sind ja Zweifel an der Objektivität dieser Bibelübersetzung schon einmal gesät. Wenn dann auch noch die Übersetzer verheimlicht werden, kann ja schnell die Frage aufkommen, ob diese Übersetzer überhaupt von ihren Sprachkenntnissen her in der Lage waren, angemessen beurteilen zu können, was der griechische Urtext bedeutet und was er nicht bedeutet. Wer dies nämlich nicht kann, der steht beim Übersetzen um so mehr in der Gefahr, die eigene Ansicht in den Bibeltext hineinzutragen statt sich vom Bibeltext selbst korrigieren zu lassen.

Ich kann mir im Übrigen kaum Vorstellen, dass es hier einfach um den “Wunsch der Übersetzer geht, ungenannt zu bleiben. Man sollte sich hier vor Augen halten, dass sich die WTG als Theokratie versteht, in der oben die Entscheidungen getroffen und diese dann unten befolgt werden. Wenn die “Leitende Körperschaft” sagen würde: liebe Übersetzer, wir haben Verständnis für Euren Wunsch, aber das geht nicht, dann geht das nicht und dann werden die Namen veröffentlicht.

Die Versuche, diese Namen geheimzuhalten, sind gescheitert. Raymond Franz hat die Liste der Übersetzer veröffentlicht. Raymond Franz war von 1971 bis 1980 Mitglied der “Leitenden Körperschaft” der Zeugen Jehovas. Nach seinem Ausstieg hat er ein Buch (“Crisis of Conscience” also “Gewissenskonflikt”) über seine Zeit bei den Zeugen Jehovas geschrieben und in diesem Buch sind die Namen der Übersetzer und ihre sprachliche Qualifikation aufgeführt. Von den vier Mitgliedern hatte nur eines überhaupt Griechisch studiert, allerdings ohne Abschluss.

Eines der Mitglieder war übrigens der damalige Präsident der WTG, Nathan Knorr. Damit erübrigt sich auch die Frage, wieso die Leitung der WTG dem “Wunsch des Übersetzungskomitees” entsprochen hat.

Was ist das Fazit hinsichtlich des Übersetzungskomitees? Die Qualifikation des Übersetzungskomitees ist fraglich. Man sollte daher beim Vergleich der NWÜ mit dem griechischen Original mit einigen Überraschungen rechnen.

Wo kann man die NWÜ bekommen?

Wer ein Buch kaufen will, der geht in die Buchhandlung, oder neuerdings auch ins Internet. Dies funktioniert mit den allermeisten Büchern ganz prima. Wer aber versucht, die “Neue-Welt-Übersetzung” bei seinem Buchhändler um die Ecke oder bei buch.de zu bekommen, wird damit keinen Erfolg haben. Die NWÜ ist über den Buchhandel nicht zu beschaffen. Bei Amazon.de hat man Glück, aber nur in der Rubrik “gebrauchte Bücher”.

Auf der Website der Zeugen Jehovas heißt es:

Die erwähnten Publikationen sind im örtlichen Königreichssaal der Zeugen Jehovas erhältlich. Sollten Sie nicht wissen, wo der nächstgelegene Saal ist, finden Sie die Adresse im Telefonbuch oder Sie können an eines unserer Zweigbüros schreiben.

 

Jehovas Zeugen geben Einzelpersonen und Gruppen kostenlosen Bibelunterricht. Wenn Sie von einem qualifizierten Bibellehrer zu Hause oder an einem anderen passenden Ort besucht werden möchten, werden Jehovas Zeugen das gern arrangieren.

Mit anderen Worten: man bekommt die NWÜ nicht einfach so. Man bekommt sie nur bei den Zeugen Jehovas selbst und die Einweisung in die Glaubenslehren der Zeugen Jehovas bekommt man gleich mit. Natürlich kann man die NWÜ auch an der Haustür bekommen, aber auch da gleich mit dem Angebot der Unterweisung.

Ich halte dieses Direktmarketing für äußerst fragwürdig. Es koppelt diese Bibelübersetzung direkt an eine Glaubensgemeinschaft und ihre Lehren. Ohne Kontakt zu dieser Glaubensgemeinschaft keine NWÜ. Mir ist keine andere Bibelübersetzung bekannt, die derart stark an eine Konfession gekoppelt wäre. Ich weiß von Protestanten, die die katholische “Einheitsübersetzung” lesen. Ich kenne Katholiken, die eine Lutherbibel lesen und ich kenne eine evangelische Buchhandlung, die auch die Einheitsübersetzung verkauft. Jede andere Bibelübersetzung ist auch ohne die Aufforderung zu bekommen, man möge die Konfession wechseln.

In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden: keine andere Glaubensgemeinschaft als die der Zeugen Jehovas empfiehlt die NWÜ. Alle stehen ihr kritisch gegenüber. Und wenn man sich die Probleme der NWÜ ansieht, ist auch leicht zu verstehen, wie es zu dieser kritischen Einstellung kommt.

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