NAI – mein Schlüsselerlebnis

NAI (“Nachrichten aus Israel”) beobachte ich schon längere Zeit. Über so manche Nachricht habe ich mich gewundert. Irgendwann habe ich angefangen, genauer hinzuschauen und nachzurecherchieren, ob es sich wirklich so verhält, wie NAI es schreibt. Mein persönlicher Wendepunkt war diese Nachricht. Am 26. Oktober 2009 hieß es auf NAI-online unter “Kurznachrichten”:

Palästinenser: Natürlich foltern wir Gefangene

Die Palästinensische Autonomiebehörde gab am Wochenende zu, dass dessen Sicherheitskräfte, von den USA und Europa finanziert und ausgebildet, regelmäßig Folter gegen Gefangene und Inhaftierte anwenden. In einem Interview mit der britischen Zeitung Mail, sagte Haitham Arar, Leiter der Abteilung für Menschenrechte des Innenministeriums der Palästinensischen Autonomiebehörde, dass Folter, Schlagen und Ermordungen alle gebräuchliche Werkzeuge des Regimes des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas seien. Er nannte diese Praktiken “eine Schande für die Palästinensische Autonomiebehörde”.

Solche Nachrichten liest man in der christlich-zionistischen Szene gern: “Die Araber gestehen…” Man hat es ja schon immer gewusst, dass das alles nur böse Menschen sind und jetzt hat man es sogar schriftlich aus deren eigenem Mund. Irgendwie kam mir das aber merkwürdig vor, und so beschloss ich, den Originalartikel zu suchen. Er ist online auf der Website der Zeitung, die übrigens nicht einfach nur “Mail” heißt, sondern “Daily Mail”.

Es lohnt sich, diesen Zeitungsartikel genau zu lesen. DIe Kernbotschaft des Artikels war diese: Die britische Regierung schickt britische Polizisten und Geheimdienstoffiziere in die Westbank um eine Welle von Gewaltübergriffen durch palästinensische Sicherheitskräfte zu stoppen. Die Aufgabe: die Errichtung einer Abteilung für interne Ermittlungen, um Missbrauch aufzudecken und vor Gericht zu bringen. Anschließend kommt Haitham Arar zu Wort, es ist übrigens der Daily Mail direkt zu entnehmen, dass es sich hierbei um eine Frau handelt (“she said…”) , richtig wäre es also von “Leiterin” zu sprechen. Ihre Aussage wurde von NAI an entscheidender Stelle abgeschnitten, den fehlenden Teil habe ich fett markiert:

Haitham Arar, head of the Palestinian Authority interior ministry’s human rights department, said: ‘This is a shame on the Palestinian Authority. We are determined with the help of our British colleagues to instill respect for human rights as part of the security forces’ daily behaviour and to teach them how to treat prisoners properly.’

Im Artikel folgen einige Details. Er schließt mit

Ms Arar said that in the past week, 32 officers accused of abuse had been brought before Palestinian courts, and 15 recommended for prosecution. Two had been charged with torture.

Prime Minister Salam Fayyad told me: ‘The situation is going to change. This is not only morally right, but a political imperative.’

Was heißt das? Die zentrale Botschaft des Daily Mail-Artikels war: auch die Palästinensische Autonomiebehörde  bezeichnet Folter von Gefangenen als Unrecht, und sie greift jetzt zusammen mit Unterstützung der britischen Regierung durch, die ersten Täter wurden schon vor Gericht gestellt. Was berichtet und unterstellt NAI? Natürlich werden bei den Palästinensern Gefangene misshandelt, das ist da ganz normal und endlich haben sie es auch mal zugegeben.

Was NAI hier abgeliefert hat, kann ich nicht mehr als verantwortungsvollen Journalismus bezeichnen. Ich halte es vielmehr für dumpfe Meinungsmache und ich finde es erschreckend, dass so etwas auch noch mit christlichem Anspruch in christlichen Kreisen verbreitet wird. In den Zehn Geboten heißt es “du sollst nicht falsch Zeugnis reden”. Dagegen verstößt auch, wer wichtige Teile einer Nachricht weglässt und damit einen falschen Eindruck vermittelt.

Seit ich an diesem Tag die Berichterstattung von NAI mit der Realität verglichen habe, lese ich NAI mit anderen Augen.

Heiko Evermann

März 2012

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>