Palästina, willkommen in der Staatenfamilie!

Der 29. November 2012 ist ein historischer Tag: die Vollversammlung der UN hat Palästina als unabhängigen Staat anerkannt, bisher zwar nur als Beobachterstaat und noch nicht als Mitglied, aber immerhin. Ein Antrag auf Vollmitgliedschaft war letztes Jahr am Veto der USA im Sicherheitsrat gescheitert, aber diesmal hatte allein die Vollversammlung zu entscheiden.

Das Abstimmungsergebnis war eine schallende Ohrfeige für Israel und für die USA: Die Resolution wurde mit 138 gegen nur 9 Stimmen angenommen, bei 41 Enthaltungen. Nur neun (!) Nationen waren dagegen, Palästina als unabhängigen Staat anzuerkennen: Israel, Tschechien, Kanada, Panama, die USA sowie die pazifischen Inselstaaten Nauru, Palau, Mikronesien und die Marshallinseln. Sogar unsere Bundesregierung brachte es zumindest fertig, sich der Stimme zu enthalten.

Ich begrüße diese Entscheidung ausdrücklich und ich möchte dafür drei wesentliche Gründe nennen. Einen politischen und zwei theologische:

Politische Gründe

Politische Gründe für die Aufwertung der palästinensischen Autonomiegebiete zu einem Staat gibt es viele. Man könnte z.B. 65 Jahre zurückgehen, als an demselben Kalendertag, am 29. November 1947, die UN den Teilungsplan für Palästina beschloss (Wikipedia). Damals wurde beschlossen, den Staat Israel zu gründen, und zwar als einen Staat von zweien im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. Der andere sollte ein arabischer Staat sein. Es hat 65 Jahre gedauert, diese Zusage für die Errichtung dieses arabischen Staats einzulösen. Es wurde einfach Zeit dafür.

Der meiner Meinung nach wichtigste politische Grund für die Anerkennung Palästinas ist ein politisches Sprichwort, das es schon lange gibt. Es geht ungefähr so:

Israel kann groß sein, also neben dem international anerkannten Kernland auch die Golanhöhen, das Westjordanland (“Judäa und Samaria”) und den Gazastreifen umfassen.
Israel kann jüdisch sein.
Israel kann demokratisch sein.
Aber Israel kann sich von diesen drei Dingen nur zwei aussuchen.

Wer die besetzten Gebiete behalten will, hat im Westjordanland und in Gaza rund vier Millionen zusätzliche arabische Bürger. Zusammen mit den 1,6 Mio Angehörigen der arabischen Minderheit mit israelischem Pass ist das die Hälfte der Bevölkerung Groß-Israels.

Es gibt also die folgenden Möglichkeiten:

  • Großisrael, demokratisch mit Staatsbürgerrschaft für die Palästinenser, dies wäre kein jüdischer Staat mehr.
  • Großisrael, jüdisch, ohne Staatsbürgerschaft für die Palästinenser, womöglich sogar mit Vertreibung der Palästinenser. Dies wäre kein demokratisches Israel mehr. Und es möge niemand von mir erwarten, dass ich das gutheiße.
  • Israel könnte sich mit aber auch mit den Grenzen von 1967 zufrieden geben, ggf. mit in Verhandlungen erreichten kleineren Gebietstauschen. Das wäre ein jüdisches und demokratisches Israel.

All diejenigen unter meinen christlichen Glaubensgenossen, die gegen einen arabischen Staat Palästina sind, müssen sich daher die Frage gefallen lassen, wie sie sich die Lösung des Nahostkonflikts vorstellen. Ich habe in einer ganzen Reihe von Diskussionen mit christlichen Zionisten (so nennt sich deren Lehre in der Theologie) versucht, dies auf den Punkt zu bringen. Bisher habe ich darauf meist ausweichende Antworten bekommen. Irgendwie besteht da die stille Hoffnung, dass sich das Problem, also die Palästinenser, auf irgend eine magische Weise in Luft auflösen. Die klarste Antwort auf diese Frage, die ich bisher bekommen habe war diese:

Mein menschlicher Rat an die Palästinenser ist, geht nach Ägypten oder geht ins Meer.

Meine Befürchtung ist, dass diese Haltung unterschwellig bei vielen christlichen Zionisten vorherrscht. Anders kann ich nämlich deren übliche Argumentationslinie nicht verstehen, wenn sie sagen, (damit sind wir bei den geistlichen Aspekten), dass das Volk Israel einen biblischen Rechtsanspruch auf das gesamte Gebiet habe.

Gleichzeitig werden die Israelfreunde (Selbstbezeichnung) nicht müde, zu betonen Israel wäre der einzig demokratische Staat in Nahen Osten. Wenn man diesen Anspruch auch nur kurz der Realität aussetzt, fällt er in sich zusammen. Israel ist nämlich nur innerhalb seines Kernlands (Küstenebene, Galiläa, Negev, Westjerusalem) ein demokratischer Staat. Darüber hinaus hat es die Heimat von 4 Millionen Menschen besetzt, die innerhalb von Israel keine demokratischen Rechte besitzen, und das bei nur 8 Millionen Einwohnern.

Überlicherweise würde man keinem Staat zugestehen, im westlichen Verständnis eine Demokratie zu sein, wenn einem Drittel der autochtonen (angestammten) Bevölkerung die demokratischen Rechte verwehrt werden.

Wie also soll Israel nun sein? Groß, jüdisch, demokratisch – aber nur zwei davon? Ich meine, wer sich selbst als Israelfreund bezeichnet, kann sich von diesen nur diese beiden auswählen: jüdisch und demokratisch. Und damit ist es zwangsläufig, die Anerkennung Palästinas als Staat zu befürworten.

Geistliche Gründe

An dieser Stelle kommt natürlich von seiten der Israelfreunde das Argument das Volk Israel habe nach der Bibel einen Anspruch auf das gesamte Gebiet Groß-Israels (und womöglich sogar noch weit darüber hinaus).

Ich habe hierzu zwei Einwände:

Arabische Ansprüche

Iin Hesekiel 47,21-23 heißt es:

Und dieses Land sollt ihr unter euch verteilen nach den Stämmen Israels. Und es soll geschehen: Ihr sollt es als Erbteil verlosen unter euch und den Fremden, die sich in eurer Mitte aufhalten, die in eurer Mitte Söhne gezeugt haben. Und sie sollen euch gelten wie Einheimische unter den Söhnen Israel. Mit euch sollen sie [es] als Erbteil durch das Los erhalten mitten unter den Stämmen Israels. Und es soll geschehen, in dem Stamm, bei dem der Fremde sich aufhält, dort sollt ihr ihm sein Erbteil geben, spricht der Herr, HERR.

Nach diesem Text haben die Araber in Palästina also ein Heimatrecht im Land! Ein Heimatrecht, das ihnen von den christlichen Zionisten regelmäßig abgesprochen wird. Hätte man sich 1947 hier an die Bibel gehalten, wäre uns der gesamte Nahostkonflikt vielleicht erspart geblieben. 1947 wollten die Araber die Teilung nicht. Die Entscheidung dafür, das Land zu teilen, ging von den Juden aus, die sich einen jüdischen Staat, Israel, errichten wollen. Deshalb ist der Staat Israel jetzt auch nicht dazu berechtigt, sich darüber zu beschweren, dass das Land jetzt geteilt ist. Wer die göttlichen Vertragsbedingungen für den Landbesitz in dieser Gegend nicht einhält, kann sich nicht auf diesen Vertrag berufen, und das ganze Land (und gemeint ist ja wohl: ohne die Araber) für sich einfordern.

Über die Fremdlinge im Land heißt es in der Bibel auch noch (3. Mose 24,22)

Es soll ein und dasselbe Recht unter euch sein für den Fremdling wie für den Einheimischen; ich bin der HERR, euer Gott.

Ein Staat Israel, der den Juden das Wahlrecht gibt, ist also auch verpflichtet, gleichermaßen den Palästinensern dieses Recht zu gewähren.

Rechte aus biblischer Sicht

Im Zusammenhang mit der Frage nach dem Anspruch Israels auf das ganze Land ist mir noch ein weiterer Aspekt wichtig. Gelernt habe ich diesen von “Jugend mit einer Mission”, aus deren Studienbibel.

In Phil 2,5-11 steht:

Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Der wesentliche Punkt hieran ist dieser: Jesus selbst hat nicht auf seinen Rechten bestanden. Deshalb hat Gott ihn dann auch groß gemacht. Paulus trägt uns Christen nun auf, genauso gesinnt zu sein.

Was bedeutet es, wenn wir diesen christlichen Grundsatz auf den Nahostkonflikt anwenden?

Von “christlichen Zionisten” höre ich ständig etwas von Rechtsansprüchen Israels gegenüber seinen Nachbarn und von dem Rechtsanspruch der Juden auf das ganze Land. Das ist nach Phil 2 aber kein christlicher Charakterzug.

Fazit

Ich könnte nur dann verstehen, wenn Israelfreunde gegen die Anerkennung Palästinas sind, wenn sie sich gleichzeitig klar zum Heimatrecht der Araber bekennen und gleichzeitig fordern, dass all diese Menschen die israelische Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht in Israel erhalten. Das höre ich von den Israelfreunden aber leider nicht.

Aus all diesen Gründen begrüße ich die Anerkennung Palästinas als Staat durch die UN. Es ist derzeit der einzig gangbare Weg zu einem demokratischen und jüdischen Staat Israel.

Heiko Evermann

Dezember 2012

Schreibe einen Kommentar