Röslers Milchmädchenrechnung

In den letzten Tagen machen Rösler und seine Zweiprozentpartei von sich reden, und zwar mit einem Frontalangriff auf die Energiewende.
In einem Handelsblatt-Interview erklärt er:

So sprengt beispielsweise die derzeitige Ausbaugeschwindigkeit bei der Photovoltaik das wirtschaftlich vernünftige Maß.

Diese Aussage kann nur verwundern. Was war das noch mit der Energiewende? Ist sie uns nun wichtig oder nicht? Ist uns der Klimaschutz etwas wert? Oder der Atomausstieg? Oder die Unabhängigkeit vom Import fossiler Brennstoffe? Da sollte man sich doch eigentlich freuen, wenn es mit dem Ökostrom vorangeht: 20% sind da mittlerweile erreicht.

Was ist von Röslers Argumenten zu halten? Wie so oft hilft etwas Mathematik, die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Rösler sagte:

Der Ausbau ist im vergangenen Jahr in einer Größenordnung vorangeschritten, die die Planungen und Erwartungen um den Faktor zwei bis drei überstiegen hat. Erklärtes Ziel ist es, den jährlichen Zubau an Photovoltaikanlagen auf 2 500 bis 3 500 Megawatt installierter Leistung zu begrenzen. Tatsächlich wurden aber 7 500 Megawatt neu installiert.

Da könnte man sich doch eigentlich freuen: mehrere Zehntausend Neuanlagen, zehntausende Bürger haben sich Gewerbescheine geholt und sind Unternehmer geworden. Das waren doch alles Privatinitiativen, privates Geld, Privatwirtschaft. Müsste das nicht eigentlich den Zielen der FDP entsprechen? Warum will die FDP das begrenzen?

Aber kommen wir zum Kern von Röslers Kritik:

Im letzten Jahr wurden nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) über 13 Milliarden Euro an die Erneuerbaren gezahlt. Die Hälfte dieser Kosten geht an die Photovoltaik, obwohl nur drei Prozent der Stromerzeugung aus der Solarenergie stammen. Ich sehe da ein eklatantes Missverhältnis, das mir weder volkswirtschaftlich noch energiewirtschaftlich sinnvoll oder zukunftsfähig erscheint.

Das sind Zahlen, die sich leicht in den Köpfen festsetzen. Als ich gestern einem Kollegen von meiner neuen PV-Anlage erzählte, kannte dieser Röslers Zahlen schon auswendig und hielt sie mir entgegen.

Nun stehe ich ja schon lange auf dem Standpunkt, dass Mathe hilft, die Welt besser zu verstehen. Werfen wir also unsere Taschenrechner an und rechnen wir nach.

Erste Frage: welchen Zweck haben Subventionen?
Rösler suggeriert mit seinem Statement, dass ein Energieträger, der noch wenig Anteil an der Stromversorgung hat, auch nur wenig gefördert werden sollte. Will Rösler uns damit womöglich sagen, 20% der EEG-Umlage sollten an die Atomenergie gehen, weil die uns immer noch 20% des Stroms liefert?
Was ist das für eine aburde Argumentation. Subventionen zahlt man doch nicht für Dinge, die man hat, aber nicht braucht. Man zahlt sie vielmehr für Dinge, die man braucht, aber noch nicht hat.

Wieviel sind eigentlich 13 Milliarden?
Für das Portemonnaie eines einzelnen Bürgers wäre das viel. Aber ist es für uns als Nation auch viel? Wieviele Einwohner hat Deutschland (Wikipedia) => 81,8 Millionen

Also: Kosten pro Person und Jahr = 13 Milliarden pro Jahr / 81,7 Millionen = 150 EUR pro Person und Jahr bzw. 41 cent pro Tag und Person. Was bitte ist daran nicht zukunftsfähig? Ich, für meinen Teil, halte die Energiewende bei 41 cent pro Person und Tag für finanzierbar.

Ist der PV-Anteil angemessen?
Das klingt ja nun tatsächlich nach einem eklatanten Missverhältnis. 3 zu 50 ist ein Verhältnis von 1 zu 16. Rösler zaubert hier en passant so schnell mit Zahlen, dass man schon aufpassen muss, um diesen mathematischen Zaubertrick zu erkennen: Er vergleicht Äpfel mit Birnen, denn er vergleicht 50% Anteil PV-Strom an der EEG-Umlage mit 3% der gesamten Stromproduktion, also Öko und nicht-Öko. Richtig wäre es natürlich, den Anteil des Solarstroms am Ökostrom zu betrachten. Da haben wir insgesamt ca. 20% Ökostrom und 3% Solarstrom (auch wieder am gesamten Strom). Damit hat der Solarstrom einen Anteil am Ökostrom von 3 / 20, also 15% und er bekommt 50% der Förderung. Das heißt, Solarstrom wird im Vergleich zu anderen Ökostromarten nur um den Faktor 3 stärker gefördert, und nicht um den Faktor 16, wie Rösler es dem Leser unterschiebt.

Ist denn dieser Faktor angemessen?
Ich meine ja. Bei anderen Energieträgern ist die Ökotechnik schon viel weiter entwickelt, insbesondere bei der Windenergie. Da kommt man mittlerweile mit geringer Förderung aus. Die Photovoltaik hingegen hat sich erst in den letzten Jahren zu einem Massenmarkt gemausert. Das Geld, was dort hinein geflossen ist, ist gut angelegt. Deutsche Firmen gehören auf dem Solarmarkt zu den Marktführern. Und die Förderung wird jedes Jahr, zum Teil sogar alle halbe Jahre kräftig gesenkt. Dafür erhalten wir allein durch den Solarstrom ein jährliches Wachstum des Ökostroms von einem Prozentpunkt. Bitte mehr davon!

Wie hoch ist eigentlich die Ökoumlage?
Rösler unterstellt, das wäre alles zu teuer. Auch hier hilft ein Blick auf die Fakten:

  • Im Jahr 2011 betrug die EEG-Umlage 3,530 cent pro kWh.
  • Im Jahr 2012 zahlen wir 3,592 cent pro kWh

Das PV-Rekordjahr 2011 hat den Strom also nur um 0,062 cent pro kWh verteuert. Bezogen auf einen Strompreis von vielleicht 22 cent ist das eine Erhöhung um nur 0,3%. Was bitte ist daran zu hoch? Da bin ich ja mal gespannt, wie viel die großen Energieversorger die Preise dieses Jahr anziehen. Deren Preiserhöhungen fallen üblicherweise sehr viel höher aus.

Fazit
Von einem Wirtschaftsminister erwarte ich, dass er mit Zahlen sorgfältiger umgeht. Was mich tröstet: Es ist der FDP unter Röslers Führung gelungen 98% der Wähler davon zu überzeugen, dass man diese Partei nicht mehr braucht. Das stimmt für die nächsten Wahlen hoffnungsvoll.

Heiko Evermann, 18.1.2012

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