Gehört der Name Jehova ins Neue Testament? Wir prüfen die Neue-Welt-Übersetzung


Warum die Zeugen Jehovas „Jehova“ 237-mal in ihre Bibel einfügen – obwohl keine einzige alte Handschrift das belegt

In fast allen Bibelübersetzungen steht im Neuen Testament dort, wo das Alte Testament zitiert wird oder vom „Herrn“ die Rede ist, das griechische Wort Kyrios („Herr“) oder Theos („Gott“). Die Neue-Welt-Übersetzung (NWÜ) der Zeugen Jehovas macht da eine große Ausnahme: Sie fügt den Namen „Jehova“ an 237 Stellen in den Text der (von ihnen so genannten) „Christlichen Griechischen Schriften“ ein. Das ist keine Kleinigkeit. Es handelt sich um eine bewusste, systematische Abweichung vom überlieferten Bibeltext.

Wie begründen die Zeugen Jehovas das? Und hält diese Begründung einer ernsthaften textkritischen und historischen Prüfung stand?

Die handschriftliche Lage ist eindeutig und einheitlich

Wir besitzen heute weit über 5.000 griechische Handschriften des Neuen Testaments (ganze oder Fragmente). Keine einzige davon enthält an irgendeiner Stelle das hebräische Tetragrammaton (JHWH / יהוה) in hebräischen Buchstaben. Stattdessen steht überall Kyrios oder Theos.

Zum Vergleich: In sehr alten Fragmenten der griechischen Septuaginta (der Übersetzung des Alten Testaments) finden sich tatsächlich noch einige Belege für das Tetragrammaton – oft in alten hebräischen Buchstaben. In christlichen Abschriften der Septuaginta steht jedoch Kyrios (=Herr). Im Neuen Testament gibt es diesen Übergang nicht: Uns begegnet von Anfang an Kyrios.

Die Zeugen Jehovas vertreten nun die Auffassung, dass in den ursprünglichen neutestamentlichen Schriften das Tetragrammaton gestanden haben muss und es später systematisch entfernt wurde. Das wäre eine gewaltige, kirchenweite Verschwörung gewesen – ohne dass eine einzige Handschrift dieses „Original“ bewahrt hätte.

Unvorstellbar, dass diese Aktion keine Spuren hinterlassen hätte. Aber es gibt keine Handschrift des Neuen Testaments mit dem Tetragramm. Es gibt keine Diskussion in der Theologie. Die Texte der frühen Kirche füllen ganze Bücher. Aber keine Spur von dieser Verschwörung.

Der Kronzeuge: Professor George Howard

Die Zeugen Jehovas zitieren in ihren Publikationen und im Anhang der NWÜ immer wieder denselben Wissenschaftler: den amerikanischen Hebraisten George Howard (University of Georgia). In seinem Aufsatz „The Tetragram and the New Testament“ (Journal of Biblical Literature, 1977) stellte Howard die These auf, dass die neutestamentlichen Autoren bei Zitaten aus dem Alten Testament möglicherweise das Tetragrammaton beibehalten haben könnten. 

Später distanzierte sich Howard deutlich von der Art und Weise, wie die Zeugen Jehovas seine Arbeit verwendeten. Ein Beispiel: Auf jwfacts.com ist ein Brief von Howard abgebildet. (direkter Link auf Scan, Artikel mit mehreren Themen, der Brief ist weiter unten )Darin schreibt Howard: (Übersetzung und Hervorhebungen von mir)

“Ich bin der festen Überzeugung, dass die Zeugen Jehovas zu viel aus meinen Artikeln gemacht haben. Ich habe argumentiert, dass das Tetragrammaton in einigen wenigen Passagen des ursprünglichen Neuen Testaments vorkommen könnte – nämlich in solchen Passagen, die Zitate aus dem Alten Testament enthalten, in denen der Gottesname ursprünglich erschien, und möglicherweise in einigen feststehenden Wendungen wie „der Engel des HERRN“. Die Zeugen Jehovas möchten diesen Gedanken ausweiten und den Gottesnamen (Tetragrammaton) in Hunderte von neutestamentlichen Stellen einsetzen. Mit Ausnahme der alttestamentlichen Zitate im Neuen Testament und der wenigen feststehenden Wendungen gibt es absolut keinen Beleg dafür, das zu tun, was sie tun. Obwohl sie mich zur Unterstützung ihrer Theorie zitieren, stützt meine Forschung sie nicht, und ich unterstütze sie auch nicht. Schließlich berichten meine Artikel lediglich von einer Theorie von mir, die noch nicht bewiesen ist. Während einige Gelehrte meine Theorie akzeptieren, tun dies andere nicht, darunter mehrere anerkannte Autoritäten auf diesem Gebiet wie Albert Pietersma (Universität Toronto) und Bruce Metzger (Princeton).”

Also: 

  • Howard präsentierte seine Ausführungen 1977 explizit als Theorie / Diskussionsbeitrag, nicht als bewiesene Tatsache.
  • Howard sieht diese Theorie bei vielen der 237 Fälle gar nicht anwendbar.
  • Howard selbst betont, dass sich seine Theorie in der Fachwelt nicht durchgesetzt hat.

Howards Thesenpapier ist nun rund 50 Jahre alt. In all diesen Jahren ist kein einziges Manuskript des Neuen Testament aufgetaucht, das Howards These bestätigen könnte.

Dass Howard seine Ansicht von Anfang an ausdrücklich nur als Theorie bezeichnet hat, ist der Wachtturmgesellschaft bekannt. In der Neuen-Welt-Übersetzung von 1986 wird Howard im Anhang 1D (“Der göttliche Name in den Christlichen Griechischen Schriften”) zitiert. Anschließend heißt es dort:

“Wir stimmen mit folgender Ausnahme mit der obigen Erklärung überein: Wir betrachten diese Ansicht nicht als eine „Theorie“, sondern als eine Darstellung von historischen Tatsachen in Verbindung mit der Übermittlung der Bibelhandschriften.”

Als Beleg für die Praxis der Zeugen Jehovas, im Neuen Testament Jehova einzusetzen, ist Howard also untauglich.

In der aktuellen Revision der NWT von 2018 gehen die Zeugen Jehovas sogar noch einen Schritt weiter. Hier findet sich die Darlegung zu “Der Name Gottes in den Christlichen Griechischen Schriften” im Anhang A5

“Das Übersetzungskomitee der Neuen-Welt-Übersetzung kam zu dem Schluss, dass das Tetragramm in den griechischen Urschriften gestanden haben muss. Die Begründungen waren folgende:

Manche Fachleute halten es für durchaus wahrscheinlich, dass der Name Gottes in den Christlichen Griechischen Schriften in Zitaten aus den Hebräischen Schriften vorkam

Der Bibelwissenschaftler George Howard erklärte: „Da das Tetragramm in den Abschriften der griechischen Bibel [Septuaginta], die die Schriften der Urkirche bildeten, immer noch geschrieben wurde, ist es vernünftig anzunehmen, dass die Schreiber des NT das Tetragramm im Bibeltext beibehielten, wenn sie aus den Schriften zitierten.“

Kein Wort mehr, kein Hinweis darauf, dass Howard hier nach eigenen Worten lediglich eine Theorie präsentierte, die er in der Fachwelt diskutieren wollte. Und erst recht kein Hinweis auf die zwischen 1977 und 2018 erfolgten Distanzierungen Howards von den Zeugen Jehovas.

Die 2018er-Ausgabe der Neuen-Welt-Übersetzung ist damit ein klassischer Fall von Zitatmissbrauch.

Die angeblichen Belege zu den 237 Versen – was steht wirklich im Anhang?

Im Anhang der NWÜ listen die Übersetzer alle 237 Stellen auf, an denen sie (entgegen dem griechischen Text) “Jehova” eingefügt haben und geben „Quellen“ an, die mit J1, J2, J3 usw. gekennzeichnet sind. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich dabei nicht um antike Manuskripte, sondern um:

  • Hebräische Übersetzungen des griechischen Neuen Testaments aus dem 16.–20. Jahrhundert
  • Mehrsprachige Ausgaben
  • Späte christliche Werke, die das Tetragrammaton bewusst rückübersetzt haben (besonders bei alttestamentlichen Zitaten)

Diese sind kein Beweis für den Urtext, sondern zeigen lediglich, wie spätere Übersetzer entschieden haben. Dennoch wirkt die lange Liste auf viele Leser wie „viele alte Belege“. Das ist irreführend formuliert. Ich erinnere mich noch gut an eine Diskussion mit einem älteren Zeugen Jehovas, der in seiner Versammlung eine wichtige Rolle hatte. Er war der festen Auffassung, diese Quellen seinen ein Beweis dafür, dass der Name Jehova in den originalen Handschriften des Neuen Testaments verwendet worden war.

Jesus in der Synagoge von Nazareth (Lukas 4)

Das Lukasevangelium berichtet in Kapitel 4 von einer Predigt, die Jesus in Nazareth gehalten hat. Die Neue-Welt-Übersetzung (Ausgabe 1986, Anhang 1D) bemüht diesen biblischen Bericht als Beleg dafür, dass der Name Gottes ursprünglich im Neuen Testament gestanden habe, weil dort aus Jesaja zitiert wird.:

“Aus Anh. 1A und 1C ist ersichtlich, daß das Tetragrammaton sowohl im hebräischen Text als auch in der griechischen Septuaginta in hebräischen Buchstaben (יהוה) belegt ist. Wenn demnach Jesus und seine Jünger die heiligen Schriften entweder in Hebräisch oder in Griechisch gelesen haben, sind sie unweigerlich auf den göttlichen Namen gestoßen. Als Jesus sich in der Synagoge von Nazareth erhob, das Buch Jesaja entgegennahm und daraus die Stelle aus Kapitel 61, V. 1 und 2 vorlas, wo das Tetragrammaton steht, sprach er Gottes Namen aus.”

Wenn man aber Lukas 4 einmal unbefangen liest, dann haben wir hier eines der stärksten Argumente überhaupt gegen die These der Zeugen Jehovas.

In Lukas 4 liest Jesus in der Synagoge seiner Heimatstadt aus Jesaja 61 vor – einem Text, der im Hebräischen das Tetragrammaton enthält. Nach der Praxis der Zeit wurde der Gottesname im Gottesdienst nicht laut ausgesprochen. Das durfte nur im Tempel geschehen, durch den Hohenpriester am jährlichen Versöhnungstag Jom Kippur. Mehr dazu hier. Jesus liest den Text vor und setzt sich. (Damals geschah die Schriftlesung im Stehen, aber gepredigt wurde im Sitzen.) Alle Anwesenden warteten nun gespannt auf die Textauslegung von Jesus. 

Da kommt es zu keinem Eklat wegen der Aussprache des Gottesnamens. Erst NACH der Auslegung, als Jesus für sich in Anspruch nahm, der versprochene Messias aus Jesaja 61 zu sein, erst dann kommt es zum Eklat.

Hätte Jesus den Namen „Jehova“ laut und deutlich ausgesprochen, wäre das in der damaligen jüdischen Kultur ein schwerer Verstoß gegen die herrschende Praxis gewesen – vergleichbar mit anderen Konflikten, die Jesus mit den Pharisäern hatte (Sabbat, Reinheit etc.). Der Text berichtet aber nichts dergleichen. Kein Eklat über die Schriftlesung. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass Jesus sich an die Konvention hielt und den Text so vorlas, wie er üblich war: mit Adonai statt des Tetragramms.

Fazit: Theologie beginnt beim Text, den wir haben

Jesus selbst hat in Streitgesprächen immer wieder gesagt: „Es steht geschrieben…“ Er berief sich auf den vorliegenden Text. Bibeltreue Theologie tut dasselbe: Sie fragt zuerst „Was steht da?“ und nicht „Was müsste unserer Lehre nach da stehen?“

Die Einfügung von „Jehova“ an 237 Stellen im Neuen Testament ist keine “Wiederherstellung” des Urtextes, sondern eine Anpassung des überlieferten Bibeltexts an die Lehre der Zeugen Jehovas.

Oder anders formuliert: Der Wachtturmgesellschaft (Selbstbezeichnung der “treue und verständige Sklave”) hat sich entschieden, den Bibeltext zu ändern, damit der Bibeltext zur eigenen Lehre und zum eigenen Selbstverständnis passt.

Links

Zum weiteren Studium: Ist Jehova überhaupt der Eigenname Gottes?

Weitere Artikel zu den Zeugen Jehovas findest du hier

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