Lukas 23,43: Kommen Verstorbene sofort ins Paradies?


In Lukas 23,43 heißt es: “Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!”

Diese Worte spricht Jesus kurz vor seinem Tod am Kreuz. Er richtet sie an einen der beiden Übeltäter (oft auch mit dem altertümlichen Wort “Schächer” bezeichnet), die neben ihm gekreuzigt wurden.

Der Vers wirft eine grundlegende Frage auf, die Christen seit Jahrhunderten beschäftigt:

Kommen Verstorbene unmittelbar nach dem Tod ins Paradies (oder in die Hölle)?

Viele christliche Traditionen sehen es genau so: Der Mensch lebt nach dem Tod bewusst weiter, entweder in der Gemeinschaft mit Gott oder getrennt von ihm.

Meine Kirche, die Siebenten-Tags-Adventisten, vertritt hier jedoch eine andere Sicht. Nach unserem Verständnis beschreibt die Bibel den Zustand des Menschen zwischen Tod und Auferstehung als einen Schlaf, also als einen Zustand ohne Bewusstsein.

Ein bekanntes Beispiel dafür findet sich in Johannes 11,11–14, wo Jesus vom Tod des Lazarus spricht:

„Unser Freund Lazarus ist eingeschlafen; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.“

 Die Jünger missverstehen dies zunächst als natürlichen Schlaf,  bis Jesus schließlich klarstellt:

„Lazarus ist gestorben.“

Jesus selbst beschreibt hier den Tod als Schlaf – ein Bild, das sich an vielen Stellen der Bibel findet. (Eine ausführlichere Darstellung dieses Verständnisses findet sich hier.)

Schwierige Bibelverse zu Tod und Auferstehung

Einige Bibelverse aber scheinen dieser Ansicht zu widersprechen. Diese Verse scheinen zu sagen, dass das Leben direkt nach dem Tod irgendwie weitergeht, ohne Pause bis zur Auferstehung. Solche Verse werden uns Adventisten in Gesprächen mit anderen Konfessionen häufig entgegen gehalten. 

Der eingangs genannte Vers Lukas 23,43 ist dafür ein klassisches Beispiel.  Jesus wird zwischen zwei Übeltätern gekreuzigt. Einer von ihnen erkennt an, dass er zu Recht verurteilt wurde, während Jesus unschuldig leidet – und richtet eine bemerkenswerte Bitte an ihn.

“(23,42) Und er sprach zu Jesus: Herr, gedenke an mich, wenn du in deiner Königsherrschaft kommst! (43) Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!”

Man sagt uns dann: „Schau hier: Lukas 23,43 zeigt deutlich: Christen kommen direkt nach dem Tod in den Himmel.“

Wie ist dieser Vers zu verstehen? Wer also hat Recht? Wie lässt sich das herausfinden?

Lukas 23,43 im Griechischen Original

Das Lukasevangelium wurde auf Altgriechisch geschrieben. Aber für diesen Vers sollten wir in das Original hineinschauen:

  • Griechisch: καὶ εἶπεν αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς, Ἀμήν λέγω σοι σήμερον μετ᾽ ἐμοῦ ἔσῃ ἐν τῷ παραδείσῳ
  • Umschrift: kai eipen auto ho Iesous, Amen lego soi semeron met’ emou ese en to paradeiso
  • Wort für Wort übersetzt: und sagte er, der Jesus, Amen, ich sage dir heute mit mir du-wirst-sein in dem Paradiese

Auf Basis des Griechischen gibt es zwei Möglichkeiten, diesen Vers zu verstehen. Sie unterscheiden sich in der Frage, ob das Wort semeron=heute

  1. zu “wahrlich, ich sage dir” gehört oder
  2. zu “du wirst mit mir im Paradies sein”.

Im Griechischen ist dies nicht direkt zu unterscheiden – beides ist möglich. Es geht also um die Frage, wo das Komma gesetzt wird.

Das Komma übrigens wurde erst lange nach dem Schreiben des Lukasevangeliums eingeführt. Mehrere Jahrhunderte lang schrieb man ohne Punkt und Komma und sogar ohne Leerzeichen zwischen den Wörtern. Das Schreibmaterial (Papyrus, später Pergament) war knapp und teuer. Die älteste Handschrift, die Lukas 23,43 enthält, ist der Papyrus 75 (Wikipedia zu Papyrus 75). Ein kompletter Scan des Papyrus findet sich auf https://manuscripts.csntm.org/manuscript/Group/GA_P75.

Dort sieht dieser Abschnitt so aus:

Gelb markiert ist Vers 43, grün markiert ist “semeron” (“heute”). Man sieht: der Vers ist ohne Leerzeichen und ohne Komma geschrieben.

Liest du das Original oder die Übersetzung?

Wahrscheinlich liest du die Bibel in einer deutschen Übersetzung.

Wie ich schon sagte: im Griechischen ist die Formulierung mehrdeutig: wo gehört “semeron=heute” hin?

Auch in manchen Übersetzungen kommt es nur auf die Position des Kommas an. Die englische New International Version (NIV) schreibt z.B.

“Truly I tell you, today you will be with me in paradise.”

Mit verschobenem Komma hätten wir

“Truly I tell you today, you will be with me in paradise.”

Im Deutschen ist die Grammatik anders. Im Deutschen reicht ein verschobenes Komma nicht aus, weil sich die Wortreihenfolge des Nebensatzes in beiden Fällen im Vergleich zum Griechischen ändert:

  • Griechische Wortreihenfolge: Amen, ich sage dir heute mit mir du-wirst-sein in dem Paradiese
  • Variante A (Schlachter 2000): Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!
  • Variante B (Verschobenes Komma): Wahrlich, ich sage dir heute: du wirst mit mir im Paradies sein!

Das heißt: der deutsche Übersetzer muss sich entscheiden und er gibt dem Leser im Deutschen das Verständnis damit eindeutig vor. 

Vergleich der Übersetzungen

Mir ist klar, dass fast alle Bibelübersetzungen hier auf die Variante A setzen. Ich kenne allerdings zwei Übersetzungen, die der Variante B folgen.

Als Adventisten haben wir als Kirche aber keine eigene offizielle Bibelübersetzung. Man findet bei uns Luther, Elberfelder, Schlachter, Hoffnung für Alle und viele andere. Und so steht auch unseren Bibeln die Variante A. Wir sagen aber offen, dass wir das für falsch halten.

Wie kommt es zu dieser breiten Übereinstimmung der Übersetzungen? Das ist einfach erklärt: Die meisten Bibelübersetzer sind keine Adventisten und teilen die Ansicht, man käme direkt nach dem Tod in ein bewusstes Jenseits. 

Übersetzer werden übrigens auch zu dieser Ansicht gedrängt. Lange nach dem Schreiben des Neuen Testaments ist man zu Leerzeichen, Satzzeichen und Komma übergegangen. 

Dieses Komma findet sich auch in der Standardausgabe des griechischen Originaltexts (Novum Testamentum Graece von Nestle-Aland). In der aktuellen 28. Ausgabe (NA28) findet sich der Satz auf Seite 285 ganz oben. (Online auf archive.org):

Der griechische Text von Nestle-Aland ist weit verbreitet. Er erscheint in zwei leicht verschiedenen Ausgaben, die sich in der Fülle der Fußnoten unterscheiden, die über kleinere Abweichungen verschiedener Handschriften Auskunft geben. In der vorherigen Ausgabe NA27 wurde über den Text von Nestle-Aland ganz offen gesagt (Einleitung Seite 2*, online unter https://archive.org/details/nestle-aland/page/n11/mode/1up)

„Er liegt aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem Vatikan und den United Bible Societies [=Weltverband der Bibelgesellschaften] allen neuen Übersetzungen und Revisionen in ihrem Bereich zugrunde.“

Wow! Alle neuen Übersetzungen und alle Revisionen (also Überarbeitungen) alter Bibelübersetzungen im Bereich der katholischen Kirche und im Bereich der UBS. Beispielsweise also auch im Bereich der Deutschen Bibelgesellschaft (Wikipedia). Das betrifft in Deutschland mindestens die Lutherbibel, die „gute Nachricht“ und die BasisBibel.

Aber auch Bibelübersetzer, die diese Vereinbarung nicht unterzeichnet haben, werden kaum der Kommasetzung in NA27 oder NA28 widersprechen.

Und damit ist klar: Diese Kommasetzung hat einen starken Einfluss. Es ist also kein Wunder, wenn deine Bibel das Komma vor “heute” hat. 

Zwischenergebnis

Halten wir als Zwischenergebnis fest:

  • Der griechische Text ist mehrdeutig.
  • Praktisch alle modernen Bibelübersetzungen folgen einem Komma, das erst jahrhunderte später eingefügt wurde und das heute von der katholischen Kirche und dem Weltverband der Bibelgesellschaften für verbindlich erklärt wurde.


Es erinnert ein wenig an Asterix:

“Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“


Und wir Adventisten sind Asterix. Wir spielen dieses Spiel nicht mit.

Beide Übersetzungsmöglichkeiten sind vielen Übersetzern bekannt.

Im Griechischen, nur auf Basis von Lukas 23,43 gehen tatsächlich beide Zeichensetzungen für das Komma. Man kann das auch daran sehen, dass sich in mehreren Bibelübersetzungen Fußnoten finden, die sich mit der anderen, (unserer adventistischen) Übersetzungsmöglichkeit auseinandersetzen. Auf Basis ihrers behaupteten biblischen Zusammenhangs (Übergang in eine Art Geisterwelt unmittelbar nach dem Tod) verwerfen sie diese andere Übersetzungsmöglichkeit. Aber: sie argumentieren nicht auf Basis der griechischen Grammatik. Man sieht daran deutlich, dass jeder Übersetzer bei diesem Vers gezwungen ist, nach dem biblischen Kontext zu fragen, um ihn angemessen zu übersetzen.

Ein Beispiel für diese Sicht ist die Fußnote der Bibelübersetzung von Hermann Menge. Er schreibt:

Abzulehnen ist die Übersetzung: „Wahrlich ich sage dir (schon) heute: Du wirst mit mir im Paradiese sein. Diese Übersetzung verkennt völlig, was mit dem Paradies gemeint ist, nämlich der Ort, an dem die Gerechten der Vollendung des Reiches Gottes entgegenharren.

Hier ist wichtig: Hermann Menge (1841-1939) argumentiert nicht mit griechischer Grammatik. Dabei war er Experte für Latein und Griechisch. Mit seinem „Repetitorium der griechischen Syntax“ hat er sogar ein Lehrbuch über griechische Grammatik für die Schule geschrieben. (Übrigens hat er seine Doktorarbeit von 1863 „de praepositionum usu apud Aeschylum“ auf Latein verfasst!) Nein, zur Ablehnung unserer adventistischen Sicht musste er auf den von ihm so gesehenen biblischen Zusammenhang verweisen.

Menges Ansicht zum Paradies lässt sich schnell wiederlegen: Im Neuen Testament kommt das Paradies nur 3x vor. In Lukas 23,43, außerdem in 2. Kor 12,4 (siehe weiter unten) und zuletzt in Offb. 2,7:

„Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der in der Mitte des Paradieses Gottes ist.“

Das Paradies im Neuen Testament ist also der Ort, wo sich auch der Baum des Lebens befindet. Wie also soll ein Toter im Paradies sein, wo es dort eben diesen Baum gibt, der ewiges Leben bewirkt? In welchem Sinne ist er dann überhaupt tot? Und was soll die Auferstehung der Toten dann noch bedeuten? Es macht schlichtweg keinen Sinn. Menge hat sich hier geirrt.

Gibt es noch andere sprachliche Argumente?

Einen weiteren Versuch gibt es noch, rein sprachlich anzusetzen, um möglichst wenig auf einen biblischen inhaltlichen Zusammenhang von Tod/Auferstehung/Gericht/Geisterwelt etc. zurückzugreifen: die Formulierung „wahrlich, ich sage dir“.

Argumentiert wird hier nun so:

nach „wahrlich, ich sage dir“ steht immer ein Doppelpunkt und deshalb muss das heute nach dem Doppelpunkt stehen.

Nun, diese Formulierung gibt es im Neuen Testament dutzendfach, manchmal als „wahrlich, ich sage dir“, in anderen Fällen als „wahrlich, ich sage euch“.

Aber abgesehen von Lukas 23,43 kenne ich im Neuen Testament keinen anderen Vers mit einer Zeitbestimmung direkt daneben. Es gibt damit keinen anderen Vers, bei dem eine Zuordnung (vor oder nach dem Doppelpunkt bzw. Komma) überhaupt strittig sein könnte. Damit hilft uns dies bei der Einordung von Lukas 23,43 erst mal nicht wirklich weiter.

Aber für die traditionelle Ansicht zu Lukas 23,43 sieht es noch schlechter aus. Im Lukasevangelium gibt es 7x ein „wahrlich, ich sage dir/euch“. Die komplette Liste ist: Lk 4,24; Lk 12,37; Lk 13,35; Lk 18,17; Lk 18,29; Lk 21,32; Lk 23,43. Hinzu kommen noch die drei Verse Lk 9,27; Lk 12,44; Lk 21,3. In diesen steht im Griechischen nicht das Hebräische Wort „amen“ (in griechischen Buchstaben), sondern das griechische Wort alethos, was ebenfalls „wahrlich“ bedeutet. Außerdem ist noch Lk 11,51 zu nennen. Hier steht „ναί/nai“, ein anderes Wort mit derselben Bedeutung.

In den meisten von diesen steht nach dem „wahrlich, ich sage dir“ die griechische Konjunktion „ὅτι / hoti“, zu deutsch „dass“. Also „wahrlich, ich sage dir, dass…“. In den Übersetzungen wird dieses „dass“ oft unterschlagen, es wird stattdessen durch das Komma ausgedrückt. Hier ein Beispiel Lukas 4,24:

Ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι οὐδεὶς προφήτης δεκτός ἐστιν ἐν τῇ πατρίδι αὐτοῦ
Amen lego hymin hoti oudeis prophetes dektos estin en te patridi autou
Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet ist anerkannt in seinem Vaterland. bzw
Wahrlich, ich sage euch, dass kein Prophet in seinem Vaterland anerkannt ist.

Wenn Lukas es für den Leser im Falle von Lukas 23,43 grammatikalisch eindeutig hätte haben wollen, dann hätte er das tun können. Er hat es aber nicht getan. Ich meine: er hat damit bewusst dem Leser die Aufgabe gestellt, über diese Frage selbst nachzudenken und selbst nach biblischen Parallelen zu suchen.

Noch einmal: bei den „wahrlich, ich sage dir“-Versen im Neuen Testament wird man da sprachlich nicht fündig. Aber wenn wir bei unserer Suche („wer suchet, der findet“) bis ins Alte Testament weiterschauen, dann finden wir da eine Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische. Diese Übersetzung läuft auch unter dem Namen „Septuaginta“ und sie wurde schon vor Jesus angefertigt.

Hier nun finden wir im 5. Buch Mose gleich vier Parallelen mit semeron=heute.

Dtn 4,26

διαμαρτύρομαι ὑμῖν σήμερον
„Ich bezeuge euch heute“

→ σήμερον hängt klar am Redeakt, nicht am Gerichtsvollzug.

Dtn 8,19

διαμαρτύρομαι ὑμῖν σήμερον
„Ich bezeuge euch heute“

Dtn 11,26

ἰδοὺ ἐγὼ παρατίθημι ἐνώπιον ὑμῶν σήμερον
„Siehe, ich lege euch heute vor …“

Dtn 30,18

ἀναγγέλλω ὑμῖν σήμερον
„Ich erkläre euch heute …“

In all diesen Fällen steht ein Verb des Sprechens (ich bezeuge, ich lege vor, ich erkläre). In all diesen Fällen folgt semeron (ich bezeuge euch heute, ich erkläre euch heute) und danach folgt das, was der Sprecher heute sagt.

Das sind vier direkte sprachliche Parallelen zu Lukas 23,43. Das allein sollte die Frage nach der korrekten Übersetzung von Lukas 23,43 eigentlich eindeutig entscheiden.

Das zentrale theologische Problem

Die heutzutage übliche Sicht zur Kommasetzung in Lukas 23,43 hat zwei wichtige theologische Probleme. Zunächst einmal passt sie nicht zur grundlegenden biblischen Sicht über Tod und Auferstehung von uns Menschen.

Darüber hinaus passt sie nicht zur ausdrücklichen biblischen Chronologie von Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu.

Das Problem lautet: Wo war Jesus eigentlich zwischen Tod und Auferstehung?

Wir lesen Johannes 20,17. Maria Magdalena begegnet dem auferstandenen Jesus – vor der Himmelfahrt.

“Jesus spricht zu ihr: Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Geh aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.”

Jesus stellt ganz klar fest: er ist noch nicht in den Himmel aufgefahren. Das Paradies aber ist im Himmel. Das Wort Paradies kommt im Neuen Testament nur 3x vor: Lukas 23,43. 2. Kor 12,4 und Offb 2,7. 

Wir lesen 2. Kor 12,2-4

2 Ich weiß von einem Menschen in Christus, der vor 14 Jahren (…) bis in den dritten Himmel entrückt wurde. 3 Und ich weiß von dem betreffenden Menschen (…), 4 daß er in das Paradies entrückt wurde und unaussprechliche Worte hörte, die ein Mensch nicht sagen darf. 

Paulus spricht hier von sich. Das Paradies ist im dritten Himmel. (Erster Himmel: der blaue Himmel, den wir tagsüber sehen. Zweiter Himmel: die Sterne. Dritter Himmel: Gottes Thronsaal.)

Jesus war bei seinem Treffen mit Maria noch nicht in den Himmel aufgefahren. Jesus war also nicht im Paradies. Also war der Übeltäter, der neben Jesus gekreuzigt wurde, am Tag der Kreuzigung, also am Freitag, noch nicht mit Jesus im Paradies.

Wenn die übliche Kommasetzung stimmen würde, dann hätte Jesus dem Übeltäter ein Versprechen gegeben, das er nicht eingehalten hat. Er hätte sein Versprechen vom “heute” nicht erfüllt. Aber Jesus hält seine Versprechen. 

Was also hat Jesus versprochen?

Der Schächer sagt: “Herr, gedenke an mich, wenn du in deiner Königsherrschaft kommst!” Er denkt hier an die glorreiche Wiederkunft Jesu, wenn Jesus alle Reiche des Bösen beseitigt. Er sagt: dann, wenn du Jesus, in Herrlichkeit zurückkommst, dann denke an mich. Der Schächer bittet ausdrücklich um Erinnerung bei der zukünftigen Königsherrschaft – nicht um die unmittelbaren Aufnahme in den Himmel.

Jesus antwortet ihm: “Wahrlich, ich sage dir heute, du  wirst mit mir im Paradies sein!” Jesus sagt also zum Schächer: das klären wir nicht erst bei meiner Wiederkunft, also nicht erst rund 2000 Jahre (oder länger) später. Nein, wir klären das heute. Ich verspreche dir HEUTE schon: du bist auf jeden Fall dabei.

Ist die adventistische Sichtweise neu?

Die adventistische Sichtweise ist nicht neu. Sie ist heute innerhalb der Christenheit nicht die Mehrheitsmeinung. Ich weiß auch nicht, ob sie es jemals war. Sie lässt sich aber in der Kirchengeschichte durchaus finden. 

Hesychius von Jerusalem, gestorben ca. 450 n.Chr. schreibt in seinem Bibelkommentar:

“Einige jedoch lesen es so: ›Wahrlich, ich sage dir heute‹ – und sie setzen dann ein Satzzeichen und fügen hinzu:
›dass du mit mir im Paradies sein wirst.‹

Als wolle jemand sagen: ›Wahrlich, ich sage dir heute, während ich am Kreuz bin: Du wirst mit mir im Paradies sein.‹”

Hesychius macht deutlich dass diese Meinung damals eine Minderheitsmeinung war, die er auch nicht teilt. Er schreibt weiter:

“Wenn man den Text aber so lesen soll, wie es dem üblichen Verständnis entspricht, widerspricht dies dennoch in keiner Weise der unumschreibbaren Gottheit unseres Erlösers, der nicht nur im Hades gegenwärtig ist, sondern zugleich auch im Paradies mit dem Räuber, und im Hades, und beim Vater, und im Grab – da er ja alles erfüllt.”

Nun, dieser Erklärungsversuch überzeugt mich nicht. Aber ich finde den Text von Hesychius ausgesprochen wertvoll. Er beweist mir eines: Wir Adventisten haben uns mit unserer Sicht zu Lukas 23,43 nichts neues ausgedacht. 1400 Jahre bevor es Adventisten gab, wurde unser heutiger Standpunkt schon von anderen Christen geteilt. Hesychius gehörte nicht dazu, aber er kannte solche Christen.

Wer es nachlesen will: der Text steht in der Patrologia Graeca, einer Sammlung vonTexten der griechischen Kirchenväter. Sie füllt ganze Bücherschränke im Format DIN A4. Das Zitat ist aus Band 93!! Es findet sich dort in den Spalten 1432-33. Die gesamte Patrologia ist online auf https://patristica.net/graeca/

Zusammenfassung

Ich fasse zusammen:

  • Der griechische Text von Lukas 23,43 ist mehrdeutig. Der Originaltext war ohne Komma geschrieben. Grammatikalisch sind beide Lesarten möglich.
  • Die heute fast durchgängig verwendete Übersetzung („Heute wirst du mit mir im Paradies sein“) beruht auf einer später eingefügten Zeichensetzung, die der heute weit verbreiteten Vorstellung eines bewussten Weiterlebens nach dem Tod entspricht.
  • Es gibt eine weltweite Absprache praktisch aller Bibelübersetzer, welcher Ausgabe des griechischen Originaltexts des Neuen Testament zu folgen ist. Diese Ausgabe enthält ein ausdrückliches Komma vor dem “heute”.
  • Aus Joh 20,17 und 2. Kor 12,2-4 können wir sehen, dass diese Lesart des griechischen Texts bedeuten würde, dass Jesus sein Versprechen an den Übeltäter nicht eingehalten hätte.
  • Richtig ist vielmehr die Lesart “wahrlich, ich sage dir heute: du wirst mit mit im Paradiese sein”. Diese entspricht auch insgesamt dem Verständnis der Bibel: der Zustand der Menschen zwischen Tod und Auferstehung ist am besten mit Schlaf zu beschreiben.

Oder ganz kurz: Lukas 23,43 ist kein Beweis für ein bewusstes Leben unmittelbar nach dem Tod, sondern ein starkes Versprechen Jesu: Der reuige Übeltäter gehört zu denen, die bei der Auferstehung im Paradies bei Christus sein werden.

Ein Tipp zum Schluss

Schnappe dir jetzt einen Bleistift und korrigiere in deiner Bibel den Vers Lukas 23,43:
Wahrlich, ich sage dir heute: du wirst mit mir im Paradiese sein.

Mehr Artikel zu Tod und Auferstehung findest du hier.

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