Hat die älteste Handschrift immer recht?

Es gibt Unterschiede zwischen den Handschriften, die sich mit einfachem Verschreiben nicht erklären lassen. In diesen Fällen sieht es so aus, dass der Text bewusst geändert wurde. Die Frage, die sich dann ja aber immer noch stellt ist: was ist das Original und was ist die Fälschung/Bearbeitung. Wenn man sich den “kritischen Apparat” von NA27 durchsieht, so erkennt man an vielen Stellen eine deutliche Bevorzugung des “alexandrinischen Typs”. Für NA27 ist der Fall in der Regel klar. Der alexandrinische Texttyp ist älter, der byzantinische ist neuer. Deshalb hat im Zweifel der alexandrinische Typ recht.

Was ist, wenn das nicht stimmt. Ich für meinen Teil habe meine Zweifel daran, dass das stimmt. Ich bin mir mittlerweile sogar ziemlich sicher, dass das nicht stimmt und ich möchte ein paar Gründe dafür erklären.

Woher stammt die Altersbestimmung des “alexandrinischen Typs”?

Die Textkritik zeigt eine deutliche Bevorzugung des “alexandrinischen Typs”. Die Ursache dafür ist recht einfach: die beiden ersten einigermaßen vollständigen Abschriften des NT sind die Codizes Alpha (Codex Sinaiticus) und B (Codex Vaticanus), beide aus dem vierten Jahrhundert (also zwischen 300 und 400 n.Chr.). Und beide gehören zum alexandrinischen Typ. Die älteste Handschrift des Byzantinischen Typs hingegen ist, (zumindest was die Evangelien angeht) die Handschrift A, der Codex Alexandrinus aus dem fünften Jahrhundert. (Die besondere Ironie an der Sache ist die, dass ausgerechnet der Code Alexandrinus nicht zum “alexandrinischen Typ” gehört”.)

Auch gibt es Papyrusfragmente, die noch älter sind, und die auch zum alexandrinischen Typ gehören.

Ich finde diese Argumentation nicht überzeugend. Man kann zwar das Alter einer Handschrift einigermaßen gut bestimmen, z.B. am verwendeten Schrifttyp, also daran, wie die Buchstaben genau aussehen. Aber eines wissen wir bei den ältesten Handschriften nie: welche Handschrift die Vorlage war, von wann die Vorlage war, welche Qualität die Vorlage hatte und wie genau die Vorlage abgeschrieben wurde. Mal angenommen die Vorlage vom Codex Alexandrinus (A) war 200 Jahre älter als der Codex Sinaiticus (Aleph) und wurde buchstabengetreu kopiert. Was wäre dann? Hätte dann nicht Codex A mehr Gewicht haben müssen?

Wie ist die Quellenlage vor 400 n.Chr.?

Betrachten wir doch die Quellenlage vor dem Jahr 400 mal genauer. Die Anzahl Handschriften vor 400 ist dünn. Wie dünn?

  • Codizes: Aleph (Codex Sinaiticus> und B (Codex Vaticanus)
  • Pypyri: einige Dutzend. Die meisten sind klein. z.B. enthält der Codex 98 nur Apg 1,13-20. Die einzigen signifikanten Ausnahmen sind die Papyri P46, P47, P48 (Chester Beatty 1-3) und P75.
  • alte Übersetzungen: es gibt darüber hinaus noch einige alte Übersetzungen in andere Sprachen, die vor 400 gemacht wurden. Diese sind zwar nur aus Abschriften aus späterer Zeit erhalten, aber gestatten doch einen Blick in die Zeit vor 400.

Das ist doch gar nicht viel. Aus diesem Quellenbefund zu folgern, dass der alexandrinische Texttyp älter ist und der byzantinische neuer (und folglich nicht original), ist meiner Meinung nach eine nicht zulässige Schlussfolgerung. Die Datenbasis ist dazu viel zu gering. Es könnte genauso gut angehen, dass der byzantinische Texttyp genauso alt ist wie der alexandrinische, nur dass eben aus dieser Tradition keine so alten Handschriften vorliegen.

Ich halte die offizielle Sicht für nicht plausibel und ich möchte dies anhand von zwei wichtigen Punkten aufzeigen:

  • anhand der gotischen Bibelübersetzung, die eine große Zahl von byzantinischen Lesarten für ca. 350 n. Chr. belegt, also für dieselbe Zeit, in der die Codizes Alpha und B entstanden sind.
  • anhand eines Vergleichs der umfangreichen Chester-Beatty-Papyri mit der Textauswahl von Nestle-Aland NA27. Hierbei werden interessante Unterschiede deutlich.

Die gotische Bibel

Die gotische Bibel ist eine hochinteressante Angelegenheit. Sie ist das mit Abstand wichtigste Zeugnis über die gotische Sprache, das wir überhaupt haben. Sie wurde von Wulfila im Zuge seiner Germanenmission übersetzt. Das genaue Übersetzungsdatum ist unbekannt, aber Wulfila lebte von 311-382 n. Chr. Damit ist sie vor 382 entstanden. Vielleicht gegen 350?

Die gotische Bibelübersetzung ist ausgesprochen wörtlich. So wörtlich, dass sich die Sprachforscher fragen, wie gotisch seine Ausdrucksweise eigentlich ist. Die verwendete griechische Vorlage lässt sich also an vielen Stellen ziemlich genau rekonstruieren, zumindest dann, wir uns anschauen wollen, welche Lesart (byzantinisch oder alexandrinisch) in der gotischen Bibel verwendet wurde.

Die gotische Bibel erlaubt uns damit einen weiteren Blick in ziemlich genau die Zeit, in der der Codex Vaticanus und der Codex Siniaticus entstanden sind. Wenn man diesen Blick in die Vergangenheit wirft, dann stellt man fest, dass die gotische Bibel an vielen (wenn auch nicht an allen) Stellen dem byzantinischen Text folgt. Das ist ja an sich auch nicht verwunderlich, immerhin wurde die Gotenmission nicht aus Ägypten betrieben sondern aus Kleinasien. An vielen Stellen ist demnach die gotische Bibel der älteste Beleg für byzantinische Lesarten.

Leider ist die gotische Bibel nicht vollständig. Vom NT ist gut die Hälfte vorhanden, vom AT fast nichts. Aber da, wo der gotische Text erhalten ist, könnte man doch erwarten, dass die gotischen Quellen für Nestle-Aland ausgewertet wurden? Oder etwa nicht?

Nein, die gotische Bibel spielt für Nestle-Aland keine Rolle. An alten Übersetzungen werden latein, syrisch und koptisch ausgewertet. Die anderen alten Übersetzungen aus dem 4. Jahrhundert (gotisch) und dem 5. Jahrhundert (Armenisch, Georgisch, Äthiopisch) sind uninteressant. Aus dem Vorwort von NA27 (Seite 29* und 30*)

Für eine Handausgabe schien uns dieses Verfahren angesichts der Fülle der übrigen Zeugen nach wie vor vertretbar zu sein. Zwar sind in den letzten Jahrzehnten einige wichtige Spezialausgaben zur armenischen, georgischen, äthiopischen und altkirchenslawischen Version erschienen. Die Erforschung der jeweiligen Gesamtübersetzung ist aber noch keineswegs abgeschlossen. Insbesondere ist das Verhältnis der jeweiligen Version zur griechischen Überlieferung und der Entstehungsprozess der Versionen so ungeklärt, dass auf eine durchgängige Verzeichnung dieser Übersetzungen verzichtet werden konnte.

Es folgt dann eine Literaturliste für diese Übersetzungen, die bei Gotisch aus einem einzelnen Werk besteht und zwar aus “Die gotische Bibel” von W. Streitberg, erschienen 1912!!! Oh, hat es in 100 Jahren da keine neuen Erkenntnisse gegeben, die man berichten könnte?

Die “Fülle der übrigen Zeugen” kann ja eigentlich nur die oben genannten Papyri und die Codizes Alpha und B meinen. Denn nur diese sind älter als die gotische Übersetzung. Aber was man an einer Hand abzählen kann, kann doch keine “Fülle” sein.

Dass man nun auch noch den gesamten Entstehungsprozess dieser Übersetzungen in Frage stellt, ist auch nicht viel besser. Immerhin wissen wir ja auch vom Codex Siniaticus nicht, wie er nun entstanden ist und auf welcher Vorlage er basiert, und trotzdem wird er munter berücksichtigt.

Ich halte diese Missachtung der gotischen Übersetzung schlichtweg für skandalös, insbesondere wo sie an vielen Stellen der älteste Beleg für byzantinische Lesarten ist, und eben wie schon gesagt, genauso alt wie Aleph und B. Ich vermute, dies hätte in vielen Zweifelsfällen das Zünglein an der Waage sein können, das bei fairer Auswertung der Quellenlage den Ausschlag für die byzantinische Lesart gegeben hätte.

Ein Gedanke zu “Hat die älteste Handschrift immer recht?

  1. Es ist in der Tat merkwürdig und auch ein wenig befremdlich, dass die Gotische Bibel seit mehr als hundert Jahren beinahe ausschließlich ein Forschungsgegenstand der Germanisten ist.

    Die Bibelübersetzung des Wulfila macht in Worstellung und Satzbau einen ausgesprochen griechischen Eindruck. Offensichtlich ist Wulfila bestrebt gewesen, den griechischen Text Wort für Wort zu übersetzen. Das entspricht damaligen Gepflogenheiten. Für uns wäre solch eine Übersetzung völlig unmöglich, aber die Grammatik des Gotischen stand der des Griechischen noch nahe.

    Die gotische Bibel ermöglicht dadurch die Sicht auf einen älteren griechischen Text, der uns sonst nicht überliefert wurde.

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