Aus der evangelisch-lutherischen Kirche bin ich schon lange raus. Ausgetreten bin ich am Tag nach meiner (Glaubens-)Taufe. Einige Jahre später bin ich dann bei den Siebenten-Tags-Adventisten beigetreten – das ist nun auch schon rund 25 Jahre her.
Aber ab und an schaue ich, was meine Ex-Kirche so macht. Dieses Jahr hatte ich gleich mehrere Begegnungen mit der lutherischen Kirche.
Da sind zunächst zwei Beerdigungen aus dem Bekanntenkreis zu nennen: Eine gute Freundin meiner (vor vier Jahren verstorbenen) Mutter und ein Klassenkamerad, der nur 57 Jahre alt wurde.
Man kann heutzutage schon froh sein, wenn eine Beerdigung überhaupt noch kirchlich ist. Aber dennoch blieb ein schales Gefühl: In beiden Trauerreden kam Jesus Christus kein einziges Mal vor. Es wurde nur allgemein von “Gott” gesprochen. Auch die Auferstehung der Toten als christliche Hoffnung wurde in der Predigt nicht erwähnt. Am Grab fehlte damit der Kern der christlichen Botschaft.
Wo ist dieser Kern geblieben? Hat das möglicherweise System? Ich beschloss, dieses Frühjahr lutherische Gemeinden in unserer Gegend (Kreis Segeberg) zu besuchen und zu schauen, wie die Lage dort ist.
1. Versuch: 17.05.2026, der Sonntag “exaudi”:
Die Kirchengemeinde umfasst vier Dörfer mit zusammen 5600 Einwohnern. Bei geschätzt 33% Kirchenmitgliedern im Kreis Segeberg sind das rund 1900 Kirchenmitglieder. Anwesend waren: Pastor, Organist, einige Besucher und ich, zusammen 15 Personen. Das ist eine Teilnahmequote von 0,8%. Es waren keine Konfirmanden, keine Jugendlichen, keine Kinder anwesend. Der Nachwuchs fehlt.
Der vorgesehene Predigttext war Jeremia 31,31–34, eine der bedeutendsten prophetischen Stellen des Alten Testaments:
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben … denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“
Die Predigt konzentrierte sich zunächst auf Bündnisse im Allgemeinen — politische, militärische, private. Danach wechselte sie zu dem Gedanken, dass Kinder erwachsen werden und sich nichts mehr sagen lassen wollen. So sei es auch bei den Israeliten gewesen, die sich von Gott keine Gebote mehr geben lassen wollten und etwas Neues haben wollten.
Was fehlte: Jesus Christus.
Dabei ist Jeremia 31,31-34 eine der wichtigsten Messias-Prophetien der Bibel. Jesus ist der Vermittler und der Inhalt dieses Neuen Bundes. Der ganze zweite Teil der Bibel, das Neue Testament, ist nach dieser Prophetie benannt. (Testament und Bund sind zwei Übersetzungen desselben griechischen Begriffs.) Jesus ist die Erfüllung dieser Prophetie. Aber er kam in der Predigt kein einziges Mal vor.
Das ist wie beim Fußball: Du bekommst einen Elfmeter, legst den Ball auf den Punkt — der Torwart ist nicht da. Und dann schießt du ins Aus. Thema verfehlt.
Jesus sagt von sich: “Ich bin das Brot des Lebens”. Menschen kommen zur Gemeinde, weil sie geistlichen Hunger haben. Wenn ihnen aber die Kirche das Brot des Lebens – Jesus – vorenthält, dann leeren sich die Kirchenbänke. Irgendwann wird dann abgewickelt. Den Missionsauftrag Jesu kann man auf diesem Weg jedenfalls nicht erfüllen.
2. Versuch 14.06.2026: 2. Sonntag nach Trinitatis
Alveslohe, 3000 Einwohner, Kreis Segeberg. Die Kirchengemeinde ist zusammengelegt mit Kaltenkirchen. An beiden Orten finden Gottesdienste statt. Der Terminübersicht zufolge hält der Pastor in der Regel beide Gottesdienste – einen von 9:30 bis 10:30 und den nächsten ab 11:00. Das ist sportlich geplant und bedeutet: nach dem Gottesdienst muss es schnell weitergehen. Für Gespräche mit der Gemeinde bleibt kaum Zeit.
Die Predigt selbst ist mir nicht besonders in Erinnerung geblieben. Dafür aber zwei Auffälligkeiten in der Liturgie, die mich nachdenklich gemacht haben.
Erste Auffälligkeit: „Im Namen der heiligen Geistkraft“
Der Gottesdienst beginnt üblicherweise mit den Worten: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Diese Formel ist durch und durch biblisch — sie stammt aus dem Missionsbefehl Jesu in Matthäus 28,19 und ist zugleich die Taufformel der Christenheit.
Stattdessen hieß es hier “im Namen der Heiligen Geistkraft”.
Diese Formulierung ist theologisch nicht haltbar — und zwar aus mehreren Gründen.
Erstens widerspricht sie dem biblischen Befund: Der Heilige Geist wird in der Bibel nicht als Kraft, sondern als Person beschrieben. Er gibt Zeugnis (Röm 8,16), er redet (Apg 13,2), er handelt, er kann betrübt werden (Eph 4,30). Das sind keine Eigenschaften einer unpersönlichen Energie, sondern Merkmale einer Person.
Zweitens widerspricht sie dem Konsens der Christenheit: Seit über 1.700 Jahren — seit den großen Konzilien des 4. Jahrhunderts — ist sich die Kirche einig, dass wir dem dreieinigen Gott in drei Personen begegnen: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das war kein leichtfertiger Beschluss, sondern das Ergebnis intensiven Nachdenkens um den biblischen Befund.
Drittens: Die Formulierung „Geistkraft“ entstammt dem Bemühen um „geschlechtersensible Sprache“ — der Heilige Geist soll auf Krampf auf Femininum gedreht werden.
Aber eine dogmatisch falsche Aussage wird nicht dadurch richtiger, dass sie einem Zeitgeist entspricht. Das Gegenteil ist der Fall: diese Formulierung degradiert den Heiligen Geist zu einer unpersönlichen Kraft, sie verlässt damit den Boden des christlichen Bekenntnisses.
Zweite Auffälligkeit: Ein Gott, der nicht mehr regiert
Am Ende des Gottesdienstes steht traditionell ein Gebet, das abgeschlossen wird mit den Worten: „Das bitten wir dich im Namen Jesu, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.“
Stattdessen hieß es hier: „Der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben gibt.“
Das Wort „regiert“ wurde stillschweigend gestrichen.
Es ist ein wesentlicher Bestandteil des Evangeliums, dass Gott regiert — und dass er die Herrschaft seinem Sohn Jesus Christus übertragen hat. Das ist keine Nebensache. Es ist die Grundlage christlicher Hoffnung: dass diese Welt nicht dem Chaos überlassen ist, sondern dass ein König regiert, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist (Mt 28,18). Wenn eine Kirche genau das nicht mehr aussprechen will, hat sie aufgehört, das Evangelium zu verkündigen.
Auch hier: rund 15 Besucher. Eine sterbende Kirche.
Fazit
Wenn man dem Zeitgeist hinterherläuft, gewinnt man keine Mitglieder. Man verliert sie.
Die wichtigste Aufgabe der Kirche ist der Auftrag, den Jesus ihr gegeben hat:
„Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe.“ (Mt 28,18–20)
Dieser Auftrag lässt sich nur mit einer christuszentrierten Verkündigung erfüllen — einer Predigt, die Jesus beim Namen nennt, die von Auferstehung und Vergebung spricht, und die den Menschen sagt: Gott regiert. Nicht als Drohung, sondern als Befreiung.
Was ich in diesen beiden Gottesdiensten erlebt habe, war das Gegenteil davon. Und die leeren Kirchenbänke sprechen ihre eigene Sprache.
Übrigens: unsere Adventgemeinde in Kisdorf hat nur 60 Mitglieder. Die Teilnehmerzahl im Gottesdienst liegt zwischen 30 und 50 Besucher incl. Gäste.
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