Fortman über die Schreiber der biblischen Bücher

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Auf Seite 7 der Dreieinigkeitsbroschüre der Zeugen Jehovas („Sollte man an die Dreieinigkeit glauben“, 1989) findet sich der Abschnitt „Was die vornizäischen Väter lehrten“. Darin werden sechs Kirchenväter aus der Zeit vor dem Konzil von Nizäa angeführt. Der Abschnitt endet mit der Feststellung

Die Bibel und die Geschichte bezeugen somit, daß die Dreieinigkeit in biblischen Zeiten und während mehrerer Jahrhunderte danach unbekannt war.

Um diese These zu stützen, findet sich mitten drin optisch hervorgehoben ein einzelner Satz aus dem Buch „The Triune God“ von Edmund Fortman:

„Nichts deutet darauf hin, daß irgendeiner der Bibelschreiber eine Dreiheit in Gott auch nur vermutet hätte“ (The Triune God)

Dieses Zitat grenzt an Zitatfälschung. Warum?

Der Leser muss das Zitat als eine Aussage über die Gesamtheit der Bibel verstehen. Nirgends in der Bibel gäbe es eine Basis für die Dreieinigkeitslehre. Fortman schreibt aber etwas anderes. (Mehr über Fortmans Ansichten zur Dreieinigkeit)

Das Zitat im Zusammenhang

Das Zitat findet sich gegen Ende von Kapitel 1(„The Old Testament Witness to God“ ) auf Seite 8. Es gehört zum Abschnitt („Summary“, also „Zusammenfassung“).

Dieser Abschnitt beginnt mit (Hervorhebungen von mir)

„To the Old Testament writers God is a God of life, love, wisdom, …“ und im folgenden Absatz fällt der zitierte Satz („There is no evidence that any sacred writer even suspected the existence of a divine paternity and filiation within the Godhead.“)

Im weiteren Verlauf dieses Abschnitts schreibt er von „Old Testament writings about God“ oder auch „the people of the Old Testament“.

Der zitierte Satz von Fortman bezieht sich also ausschließlich auf das Alte Testament. Auf Seite 9, ganz am Schluss dieses Kapitels, schreibt er ausdrücklich:

Jedoch geben uns diese Schreiber definitiv die Worte, die das Neue Testament benutzt, um die Dreieinigkeit der Personen auszudrücken, Vater, Sohn, Wort, Weisheit, Geist. Und ihre Art, diese Worte zu verstehen, hilft uns zu sehen, wie die Offenbarung Gottes im Neuen Testament über die Offenbarung Gottes im Alten Testament hinausgeht.

Englisches Original: „However, these writers definitely do give us the words that the New Testament uses to express the trinity of persons. Father, Son, Word, Wisdom, Spirit. And their way of understanding these words helps us to see how the revelation of God in the New Testament goes beyond the revelation of God in the Old Testament.“
Fortman verwendet dann das ganze Kapitel 2 seines Buchs („The New Testament Witness to God“) um aufzuzeigen, was das Neue Testament über die Dreieinigkeit lehrt und wie das die Grundlage für die spätere Ausformulierung der Dreieinigkeitslehre legt.
So schreibt er beispielsweise über das Johannesevangelium (Seite 29):

Klarer als alle anderen präsentiert er die Göttlichkeit des Sohnes und die Personheit des Geistes.

Englisches Original: „More clearly than any other does he present the divinity of the Son and the personality of the Spirit.“
Diese Passage muss den Autoren der Broschüre bekannt gewesen sein, denn sie zitieren an anderer Stelle (siehe hier) aus Seite 32 und zeigen damit, dass sie das Buch mindestens so weit gelesen haben. Ihnen muss klar gewesen sein, dass sie Fortman hier zu Unrecht anführen.

Zur Positionierung dieses Zitats:

Darüber hinaus ist es auch unehrlich, dieses Zitat zur Garnierung eines Geschichtsabschnitts über die vornizäischen Kirchenväter zu verwenden.

Es ist ja die erklärte Absicht von „The Triune God“, die Dreieinigkeitslehre in der Bibel und in der Kirchengeschichte nachzuweisen. Wenn man nun schon mehrfach aus diesem Werk zitiert, dann wäre es auch interessant und wichtig gewesen, dieses Buch zum weiteren Verlauf der Kirchengeschichte zu befragen. Denn nachdem Fortman die biblische Ausgangslage untersucht hat, wendet er sich eben diesen vornizäischen Kirchenvätern zu.

Angeführt werden in der Dreieinigkeitsbroschüre: Justin der Märtyrer, Irenäus, Klemens von Alexandria, Tertullian, Hippolyt und Origines.

Alle diese Kirchenväter (und noch weitere ) werden in „The Triune God“ umfassend behandelt. Zu all diesen führt Fortman aus, welchen Beitrag sie konkret zur Dreieinigkeitslehre geleistet haben. Fortman steht daher in krassem Gegensatz zur Dreieinigkeitsbroschüre, die uns auch hier nur tendenziöse Zitate der Kirchenlehrer gegen die Dreieinigkeit liefert.

Zusammenfassung

Wer also ein einzelnes zurechtgemeißeltes Zitat von Fortman dazu benutzt, um es gegen das Neue Testament und gegen die Kirchenväter in Stellung zu bringen, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, vorsätzlich gegen den Sinn zu zitieren.

Mehr zu missbräuchlichen Zitaten der Wachtturmliteratur im Allgemeinen und zu den Zitaten aus Fortman im Besonderen hier.