Latein oder Französisch als zweite Fremdsprache?

Unsere Große kommt im Sommer in die sechste Klasse des Gymnasiums und damit steht die Wahl der zweiten Fremdsprache an. Was soll man nehmen, Latein oder Französisch?

Gestern abend war eine Informationsveranstaltung der Schule für die Eltern. Unsere Tochter ist sich sicher, was sie wählen will, Latein. Und meine Frau und ich unterstützen diese Wahl ausdrücklich. Ich bin dann aber trotzdem hingegangen, einfach aus Interesse an der Veranstaltung an sich. Denn auch wenn ich meine Meinung habe, so bin ich immer gerne bereit, mir andere Meinungen anzuhören und mich von guten Argumenten überzeugen zu lassen. Im Gegenzug dafür erlaube ich mir, unbequeme Fragen zu stellen. Ich finde, das ist ein fairer Deal, und ich mache das bei anderen Themen auch so.

Ich selbst stand vor rund 30 Jahren vor derselben Entscheidung und ich war schon erstaunt, wie wenig sich die Argumente in dieser Zeit verändert haben. Insbesondere werden für Französisch noch immer dieselben Versprechungen gemacht, sie sich schon damals nicht erfüllt haben.

Ist Latein tot?

Nein, Latein ist nicht tot. Latein sprechen wir alle, ohne dass wir es merken. Unsere Sprache ist von lateinischen Fremdwörtern durchsetzt. Wir reden von Produkten, Effizienz, Rationalisierung etc. Noch deutlicher ist das im Englischen. Und mit Englisch hat man bei anspruchsvollen Berufen (es geht hier ja immerhin ums Gymnasium) später täglich zu tun. Ein paar Beispiele, aufs blaue aus der Wikipedia herausgesucht. Die lateinischen Wörter sind fett. Darüber hinaus habe ich die vereinzelten griechischen Wörter nicht markiert.

democracy: Democracy is a form of government in which all eligible citizens have an equal say in the decisions that affect their lives. Democracy allows eligible citizens to participate equally—either directly or through elected representatives—in the proposal, development, and creation of laws. It encompasses social, economic and cultural conditions that enable the free and equal practice of political self-determination.

mathematics: Mathematics (from Greek μάθημα máthēma, máthe-ma, “knowledge, study, learning”) is the abstract study of topics encompassing quantity, structure, space, change, and other properties; it has no generally accepted definition. Mathematicians seek out patterns and formulate new conjectures. Mathematicians resolve the truth or falsity of conjectures by mathematical proof. When mathematical structures are good models of real phenomena, then mathematical reasoning can provide insight or predictions about nature.

Jemand meinte mal im Scherz, Fachenglisch sei eine romanische Sprache auf germanischem Substrat. Wie man an diesen beiden Beispielen sieht, ist dieser Witz dicht dran an der Realität.

Es hilft bei all diesen lateinischen Fremdwörtern ungemein, die Bedeutung dieser Wörter erschließen zu können. Lateinkenntnisse helfen beim Englischen direkt weiter und sie helfen, diese Wörter richtig und sicher einzusetzen. Latein schafft einen direkten, täglichen Nutzen.

Französisch als lebendige Sprache

Für Französisch wird geworben, weil es eine “lebendige” Sprache ist. Man schwärmt von Völkerverständigung, von Begegnung mit Menschen aus anderen Ländern und von wirtschaftlichen Beziehungen. Ich sehe das anders. Französisch hat ca. 115 Mio Muttersprachler und 105 Mio Zweitsprachler. Von Frankreich, der Hälfte Belgiens und der Hälfte der Schweiz einmal abgesehen lebt ein nenneswerter Anteil davon in Schwarzafrika, mit dem wir kaum direkte Berührungspunkte haben. Da müsste man schon als Missionar an die Elfenbeinküste gehen. Wenn die Sprecherzahl relevant wäre, dann wäre stattdessen Chinesisch zu empfehlen, mit 1,3 Milliarden(!) Sprechern. Das Land ist auch wirtschaftlich weltweit viel wichtiger als Frankreich. Japanisch hat immerhin 127 Mio Muttersprachler und ist auch wirtschaftlich einflussreich. Spanisch ist auch wichtig, 388 Mio Muttersprachler, 59 Mio Zweitsprachler. Mittel- und Südamerika sprechen Spanisch (oder den engen Verwandten Portugiesisch). Und auch als Sprache der Diplomatie und als Sprache von internationalen Konferenzen hat Französisch schon längst ausgedient. Diese Rolle nimmt heute Englisch ein. Zuweilen gibt es auch Französisch, z.B. in der UNO, aber dann immer nur als weitere Sprache neben Englisch. Wer sich hier beruflich engagieren will, ist mit sehr guten Englischkenntnissen besser bedient, und wie oben ausgeführt, hilft Latein da weiter. Kurz gesagt: International spielt Französisch keine Rolle mehr.

Nun könnte man Französisch ja lernen, weil es ein EU-Nachbarland ist. Dieses Argument würde mich überzeugen, wenn ich z.B. in Karlsruhe wohnen würde. Als Schleswig-Holsteiner beeindruckt mich das aber nicht. Dänisch und Schwedisch liegen hier gleich um die Ecke und beide Länder sind auch als Ferienregion beliebt. Frankreich ist von Ellerau eine ganze Tagesreise entfernt.

Mich berührt dieser Aspekt persönlich, denn in der sechsten Klasse hat man uns erzählt, wie wichtig es wäre, dir Sprache des Nachbarn zu sprechen und ich fühle mich in diesem Punkt im Rückblick an der Nase herumgeführt. Und ich frage mich auch, ob man in Frankreich vielleicht auch Englisch als Fremdsprache lernt???

Lernschwierigkeiten?

Latein gilt als schwer. Ich finde, zu Unrecht. Latein schafft mit seiner klaren Grammatik eine gute Erklärung für die deutsche Grammatik, die vielen Schülern ein Buch mit sieben Siegeln ist. Und das Vokabular? Wie ich gestern auf Nachfrage von der Lateinvertreterin erfuhr, werden innerhalb von vier Jahren 1200 Wörter gelernt. Zum Vergleich: das Englischbuch der 5. Klasse enthält bei uns schon rund 1000 Wörter, und zwar für ein Jahr. Dann sind 300 Wörter pro Jahr, also rund eines pro Tag eigentlich nicht schwer. Nach der Bewerbungsrede für Französisch fragte ich auch da nach. Die Lehrerin meinte, sie hätte das noch nie gezählt. Ich bat sie dann um eine Schätzung, und sie meinte, dass es wohl mehr als 1200 Wörter seien.

Kann man bei Latein mal hinfahren?

Beliebt ist ja auch das Argument, dass man Französisch direkt im Urlaub verwenden kann. Unser Gymnasium veranstaltet sogar einen Schüleraustausch mit einem Ort in der Normandie. Ist das ein guter Grund Französisch zu lernen? Kann Latein hier mithalten?
Bei Latein kann man natürlich nicht mal eben so hinfahren. Aber reicht eine Reise von zwei Wochen nach Frankreich als Grund aus? In der Klasse meiner Tochter findet dieses Argument ja tatsächlich Anhänger.
Mal nachrechnen. Vier Unterrichtsstunden pro Woche á 45 Minuten. Hinzu kommen die Hausaufgaben und das Lernen der Vokabeln. Rechnen wir mal konservativ mit 5 Zeitstunden pro Woche. Ein Jahr hat 52 Wochen, davon sind 12 Wochen Ferien. Das sind 40 Wochen im Jahr. Also 200 Stunden pro Jahr. Für vier Jahre muss man sich in Schleswig-Holstein bei der zweiten Fremdsprache mindestens verpflichten. Das sind dann 800 Stunden Lernzeit.
Wenn man jetzt 2 Wochen hinfährt, dann ist man netto 12 Tage in Frankreich. 8 Stunden am Tag schläft man. 16*12 Stunden Frankreich, also 184 Stunden Frankreich, und die meiste Zeit davon ist man auch noch mit der eigenen Klasse zusammen. Ich meine, als Grund für das Sprachenlernen taugt das nicht.

Man kann Sprachen einfach aus Interesse an Sprachen an sich lernen (siehe oben), oder weil man das Land besonders mag, oder weil man (Dänemark?) tatsächlich regelmäßig dorthin fährt. All das sind aber keine Argumente speziell für Franzosisch.

Mein Fazit

Das Lernen einer Fremdsprache zu Schulzeiten sollte einen direkten Nutzen haben, und zwar in Alltag. Latein kann diesen Nutzen bringen, als Lern- und Verständnishilfe für das Englische. Und nur Englisch ist wirklich die internationale Weltsprache. Ich habe auf Englisch viele gute Gespräche mit Menschen aus anderen Ländern geführt, mit anderen die wie ich Englisch auf nahezu muttersprachlichem Niveau beherrschten. Das waren hochinteressante Gespräche mit Menschen z.B. aus England, aus den USA, aus Israel, aus Albanien, aus den Niederlanden, aus Norwegen.

Als Fremdsprache ist nur Englisch wirklich wichtig.

Wenn man aus Interesse an Bildung eine zweite Fremdsprache lernen will, oder als Gymnasiast lernen “muss”, dann sollte man auf Bildung setzen und Latein lernen.

Mit Lateinlernen macht man seit 2000 Jahren nichts falsch.

Heiko Evermann
April 2013

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