von Kino, Glauben und den frommen Ultras

Im Kino läuft gerade ein Film mit dem Titel „Jesus liebt mich“.
Nachdem ich den Trailer gesehen hatte, hatte ich mich mich schon auf den Film gefreut. Die Handlung ist kurz erzählt:

Jesus ist auf der Erde, um kurz vor dem Weltuntergang („nächsten Dienstag“) nochmal nach den Menschen zu schauen. Hierbei lernt er Marie kennen, eine vielfach gescheiterte Frau, die nun Jesus beweisen will, dass die Menschen sich in den letzten 2000 Jahren zum Guten verändert haben, so dass sie mehr Zeit verdient hätten.

Nun sind weder der Autor des zugrundeliegenden Buchs (David Safier) noch der Regisseur und Hauptdarsteller (Florian David Fitz) evangelikale Christen. Von daher kann man nicht erwarten, dass dabei so etwas herauskommt wie der Jesus-Film von Campus für Christus. Der Film hat aber dennoch vieles gut getroffen:

Da ist zunächst einmal die Volkskirche, die die Wiederkunft ihres Herrn nicht mehr erwartet, dargestellt durch einen alkoholabhängigen Pastoren, ein ehemaliger Engel, der im Himmel gekündigt hat, weil es sich in eine Frau verliebt hatte.

Da ist ein Teufel, der verführt, betrügt und zerstört.

Da sind fromme Fanatiker, die in der Fußgängerzone rumschreien, die aber in der Gegenwart von Jesus wieder normal werden.

Da sind Menschen, die bisher dem Glauben fern standen, und die meinen, mit ein paar oberflächlichen Änderungen (insbesondere durch konservativere Kleidung) Jesus beeindrucken zu können.

Da ist ein Jesus, der sich den Armen und Bedürftigen zuwendet, die in seiner Nähe aufblühen und gesund werden. Ein Jesus, der sich auch Marie zuwendet und ihr deutlich macht, dass er keine oberflächlichen Änderungen sucht, sondern ihr Herz.

Ja, Jesus ist in diesem Film gut getroffen.

Natürlich hat der Film auch Mängel. Der größte Fehler meiner Meinung nach: Es scheint, Gott interessiere sich kaum noch für die Welt und schaut nur ab und zu vorbei, weil er sich auch um hunderte anderer Welten kümmern muss. Das ist nach der Bibel anders.

Dennoch ist es ein sehr beeindruckender Film.

Was mich an diesem Film aber bestürzt ist die Reaktion der frommen Ultras. Zuerst ist mir das in Facebook aufgefallen. Da gibt es eine Seite, die dazu aufruft, den Film zu stoppen, weil es ein – wie bitte – blasphemischer Film wäre? Eine Seite mit derzeit sage und schreibe weltbewegenden 78 “Likes”. Da wurde sogar schon protestiert, bevor diese Leute den Film überhaupt gesehen haben konnten, also vor der Premiere.

Schrill war auch das hier: In Idea spektrum (Ausgabe 51/2012 Seite 14) gab es eine Filmbesprechung von Karsten Huhn, der den Film ähnlich sieht wie ich. So weit so gut. In der folgenden Idea stand dann dieser Leserbrief:

Verlästerung Jesu

Der Artikel hat mich sehr getroffen. Wie ist es zu verantworten, so etwas in einer christlichen Zeitschrift zu veröffentlichen? Jugendliche in unserer Gemeinde kamen zu mir und waren völlig verunsichert, weil sie so eine Verlästerung Jesu nicht verstehen konnten. Ich versuche immer zu prüfen, was in der Zeitschrift steht, bevor ich sie in unserer Gemeinde auslege. Nun bin ich nicht sicher, ob ich das noch kann.

Ja das ist wohl so, dass man auch unter Evangelikalen nicht immer in allem einer Meinung ist. Und wenn man so ultra ist, dass man allen Ernstes meint, jedes Idea-Heft einzeln prüfen zu müssen, bevor man es in der Gemeinde auslegt, dann, so finde ich, sollte man das Heft lieber gleich abbestellen. Da ist nämlich immer irgendwas drin, was irgend jemand nicht passt.

Interessant ist auch die Frage, wie es kommt, dass da Jugendliche durch einen einzelnen Artikel in Idea in ihrem Glauben “völlig verunsichert” werden. Das kann einem in mehreren Jahrzehnten Glaubensleben ja tatsächlich mal so gehen. Aber doch nicht durch so einen Artikel? Das sagt doch mehr über die Qualität der Jugendarbeit in dieser Gemeinde aus als über den Film…

Ich bin ja gerne theologisch konservativ bzw. evangelikal. Aber so ultra bin ich nicht, dass ich solche Filmkritik auch nur ansatzweise nachvollziehen könnte.

Aber den Kinofilm, den kann ich wärmstens empfehlen.

Heiko Evermann
Januar 2013

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